Berlin : „Wenn die Furcht übermächtig wird, greifen wir ein“

Psychoonkologen versuchen, Krebserkrankten die Ängste zu nehmen, und helfen ihnen, den eigenen Körper zu akzeptieren

Foto: promo
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Welche Rolle spielt der Psychoonkologe in der Betreuung eines Krebskranken?

Wir unterstützen die Patienten und ihre Angehörigen dabei, einen Tumor psychisch zu verarbeiten und zwar von der Diagnose über die Operation und Reha – mitunter bis hin zum Lebensende.

Welche Unterstützung können Sie den Betroffenen geben, zum Beispiel denen, die wegen der Krankheit unter starken Ängsten leiden?

Nicht jede Angst muss therapiert werden. Etwas zu fürchten, lässt den Betroffenen oft darüber nachdenken, was er ändern kann oder in welchen Lebensbereichen er etwas kürzer treten sollte. Aber entgegen dieser gewünschten Selbstreflexion kann die Angst vor dem Tod auch das ganze Leben dominieren und den Betroffenen in eine Depression stürzen. Die Erkrankten fürchten zu sterben, einige plagt es, nicht zu wissen, was nach dem Tod kommt. Solch einer lähmenden Furcht müssen wir begegnen. Zunächst erkunden wir dabei, wie der Patient mit Problemen umgeht. Jeder hat eigene Strategien. Einige Patienten blenden die Krankheit so lange aus, bis sie sich nicht mehr ignorieren lässt. Bis diese dann umso massiver die Psyche beeinträchtigt. Den Krebs positiv zu verleumden – also ihn ein Stück weit zu vergessen – kann im Gegensatz dazu eine Bewältigungsstrategie sein. Zudem wird der soziale Hintergrund des Patienten in die Therapie einbezogen. Eine Familie gibt dem Patienten oft Halt und hilft damit, die Krankheit zu bewältigen. Sie kann den Erkrankten aber auch zu eng umklammern, so dass kein Raum mehr für ihn selbst bleibt.

Genesene, denen ein Tumor erfolgreich entfernt wurde, plagt nicht selten die Furcht, dass der Krebs zurückkehrt ...

Dem begegnen wir ganz pragmatisch, indem wir uns mit der Krebserkrankung beschäftigen und damit, wie wahrscheinlich es ist, dass sie erneut auftritt. Viele Betroffene fürchten sich vor dem Ergebnis der nächsten Nachsorgeuntersuchung. Das ist ganz normal. Doch wenn die Angst so übermächtig wird, dass der Patient die Untersuchung meidet, wird es kritisch. Dann müssen wir intervenieren, damit der Betroffene nicht die Chance vergibt, eine erneute Erkrankung frühzeitig zu erkennen.

Krebspatienten müssen oft massive Operationen über sich ergehen lassen, etwa wenn eine Brust, die Gebärmutter oder die Prostata entfernt werden muss. Wie kommen die Patienten damit psychisch klar?

Das Selbstwertgefühl wurde durch die Krankheit oft verletzt: Sterilität nach gynäkologischen Operationen, Impotenz und Inkontinenz bei Männern – all das hinterlässt Spuren bei den Betroffenen. Die Patienten müssen wieder ein positives Verhältnis zu ihrer Physis aufbauen, indem sie sich langsam an ihren Körper herantasten und ihn spüren lernen. Wir fangen mit nicht betroffenen Körperteilen wie den Händen an. Später kommen die Narben dran und erst ganz zum Schluss ertasten die Patienten zum Beispiel den künstlichen Darmausgang nach einer Darmkrebs-OP und schauen ihn sich im Spiegel an. Und damit hört es nicht auf. Eine Patientin mit einem künstlichen Darmausgang (Stoma) traute sich nicht in die Öffentlichkeit, aus Angst, er könnte verrutschen oder jemand rieche etwas. Wir haben sie Schritt für Schritt begleitet. Erst zur Familie, in ein gewohntes Umfeld und dann nach und nach in die Öffentlichkeit. Und oft fühlen sich Männer nicht mehr als Mann, wenn sie nach einer Prostataentfernung unter Impotenz leiden. Viele von ihnen versuchen, das mit Potenzmitteln zu kompensieren, doch die wirken nicht immer. Das auf die Potenz reduzierte Selbstbild versuchen wir zu relativieren, indem wir das in den Vordergrund rücken, worüber sich der Patient vor der Erkrankung definiert hat: seine Freunde, Arbeit oder Hobbys. Wir sprechen aber auch über Sex in der Partnerschaft – denn dazu gehört mehr als eine Erektion.

Die Psyche spielt also eine große Rolle bei der Therapie von Krebs. Aber welche Rolle spielt sie bei dessen Entstehung? Ältere Theorien sprachen von einer „Krebspersönlichkeit“. Was ist da dran?

Diese Theorie geht davon aus, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eine Krebserkrankung begünstigen. So sollen beispielsweise depressive oder introvertierte Menschen, die ihren Frust runterschlucken, häufiger betroffen sein. Aber die aktuelle Studienlage widerlegt die Annahme einer Krebspersönlichkeit.

Das Gespräch führte Frieder Piazena.

Ruth Hirth ist Psychoonkologin im Darmzentrum des DRK-Klinikums Berlin-Köpenick und unter anderem Vorstandsmitglied der Projektgruppe Psychosoziale Onkologie des Tumorzentrums Berlin.

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