Berlin : Wenn die Gondeln stille stehen

Christian van Lessen

Der Notknopf funktionierte nicht. Mit dem Notknopf hätte man sie mechanisch herunterholen können, 17 meist jugendliche Fahrgäste, Freitagabend um halb zehn. Ikarus wäre langsam zu Boden gegangen, hätte die versagende Elektronik ausgetrickst. So aber verharrte Ikarus mit seinen 28 Gondeln auf halber Fahrhöhe, immerhin 15 Meter. Die Insassen schauten bibbernd hinunter auf den Alex-Weihnachtsmarkt, wo die Schausteller und Budenbesitzer schon den Feierabend vorbereiten wollten. "Bleiben Sie ruhig", tröstete man über Lautsprecher, "die Feuerwehr kommt", und nach gut einer Stunde waren die Zitternden dann am Boden, über Drehleitern gerettet. Zwei junge Mädchen mussten wegen Unterkühlung vorübergehend ins Krankenhaus.

Panik gab es nicht, was einem Witzbold in luftiger Höhe zu verdanken war. Er unterhielt die Runde, sprach von seinem Erfahrungen beim Fallschirmspringen, und nach gut zehn Minuten wurden mit einigem Geschick Zigaretten von Gondel zu Gondel gereicht, als "Überlebensration". Wenigstens ließ sich von unten der Kranz drehen, auf dem die vier Ausleger mit je sieben drehbaren Gondeln befestigt waren. So konnte denen da oben immer wieder ein neuer Anblick aufs Gelände geboten werden.

Unten grübelten sie, warum Ikarus versagte. Hatten Kälte, Feuchtigkeit und Frost oder gar Blitzeis dem Fahrgeschäft zugesetzt? Schaustellerpaar Hoffmann aus Eisenach war vom 13-jährigen Ikarus, offiziell Familien-Hochfahrgeschäft genannt, bislang nicht enttäuscht worden. Jetzt herrschte Ausnahmezustand. Um die Leute dort oben - ein Kind war dabei - schnell zu retten, wollte man nicht erst abwarten, bis der zuständige Elektronikfachmann in Halle telefonisch Schaltkreise erläuterte. Als die Menschen dann gerettet waren, ging irgendwann am späteren Abend auch Ikarus zu Boden. Und gestern früh, nachdem der Fachmann aus Halle gekommen war, schraubte sich Ikarus wieder auf 30 Meter Höhe, die Leute ließen sich - als wäre nichts gewesen - für fünf Mark durch die Luft wirbeln, und die Hoffmanns an der Kasse versicherten den wenigen Ängstlichen, dass so etwas wie gestern nie wieder vorkommen werde.

Aber was denn nun wirklich Ikarus zum Stocken brachte, wusste man auch am Sonnabend nicht. Das nasskalte Wetter war Hauptverdächtiger. Ermittlungen vom TÜV oder anderen Behörden gebe es nicht, sagte Kerstin Kliemt, die Sprecherin vom Weihnachtsmarkt. Sie wies auf die vielen Sicherheitsstufen hin, die bei allen Fahrgeschäften eingebaut seien. Das Bauamt Mitte habe das Aufstellen aller Karussells, die TÜV-Bescheinigung und die Baubücher kontrolliert. Zum Gondelunglück vor sechs Jahren auf dem Platz der Vereinten Nationen gebe es in diesem Fall keine Parallelen. Damals war die Gondel einer anderen Konstruktion abgesackt, 65 Menschen wurden verletzt, Experten gingen von einem Bedienungsfehler aus.

Ikarus war vor dem plötzlichen Stillstand schon auf dem Weg, an Höhe zu verlieren. Er musste kein so trauriges Ende nehmen wie der Namenspatron, dessen Flügel-Wachs im Sonnenlicht schmolz. Die Sagenfigur steht mit hängenden Flügeln oben auf dem Fahrgeschäft. Als Trost für die bange Stunde bekamen die Fahrgäste Freikarten - für Ikarus.

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