Berlin : Wenn Legenden enden

Agentenagitation, Arbeiterstreik, Berliner Angelegenheit: Viele Aufstands-Interpretationen wurden von Historikern widerlegt

Deike Diening

Der Kampf in den Straßen war kaum verebbt, begann der Kampf um dessen Interpretation. Der 17. Juni wurde in Ost und West anders gedeutet. Zum 50. Jahrestag sind Forschungsergebnisse erschienen, die einige Darstellungen als Legenden entlarven.

Berliner Aufstand : Das meiste hat ja in Berlin stattgefunden – glauben noch heute viele Menschen. Dabei ist es eine der erstaunlichsten Tatsachen, das trotz beschränkter Kommunikationsmöglichkeiten die Streiks und Protestkundgebungen zeitgleich im ganzen Land stattfanden. Welches Ausmaß der Protest in mehr als 700 Orten der DDR hatte, belegen erst neuere Forschungen (siehe auch Seiten 16 und 17 dieser Ausgabe).

Arbeiteraufstand : Lange trugen die Proteste das Etikett des „Arbeiteraufstands“ – als habe es sich um eine rein wirtschaftliche motivierte Kundgebung gehandelt, in der Arbeiter gegen ihre Arbeitsnormen protestieren. Doch auch wenn die Berliner Erhebungen von den Bauarbeitern an der Stalinallee ausgingen, wurde schon am Mittag des 16. Juni die Forderung nach freien Wahlen laut – und ihr schlossen sich in Berlin und der ganzen DDR Menschen aus allen Schichten an. Gegen die These des reinen Arbeiteraufstandes spricht auch, dass die Aufständischen in Städten wie Halle, Leipzig und Dresden zuerst vor die Gefängnisse zogen, um die politischen Gefangenen zu befreien. Inzwischen hat sich die Lesart als Volksaufstand durchgesetzt.

West-Agenten als Organisatoren: Noch am Abend des 16. Juni meldet der DDR-Rundfunk, „Agenten aus West-Berlin“ hätten zu den Protesten aufgehetzt. Die SED-Oberen verlautbaren, der Protest sei das Werk des Klassenfeinds. Der habe unter den hilflos verführten Menschen der DDR agitiert. Diese These war praktisch, weil die Führung so keine Fehler zugeben musste. Doch brachte sie zugleich die Staatssicherheit in arge Erklärungsnot. Denn Aufgabe des Geheimdienstes war nun, die Verantwortlichen unschädlich zu machen. Was nie gelang.

18 Sowjetsoldaten wurden erschossen, weil sie sich weigerten, auf Aufständische zu schießen: Diese Legende hat sogar einen Gedenkstein, in Nikolassee – und es ist die Lieblingslegende des Westens. 18 sowjetische Soldaten seien von ihren Auftraggebern erschossen worden, weil sie sich geweigert hätten, auf die unbewaffneten Deutschen zu schießen. Nach neueren Forschungen beruft sich diese Aussage jedoch auf eine einzige Quelle – deren Urheber verschollen ist. Weder konnten Hinterbliebene ausfindig gemacht werden, noch ließen sich die Befehle aus Moskau rekonstruieren (siehe auch Tagesspiegel vom 12. Mai 2003).

Die „SS-Kommandeuse“ Erna Dorn: Beim Sturm auf das Gefängnis in Halle am 17. Juni wurde auch Erna Dorn befreit, die man später nur die „SS-Kommandeuse“ nannte. Im Nachhinein ist man sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt Erna Dorn hieß. Die SED-Regierung benutzte ihre Person, um die Darstellung eines „faschistischen Putschversuchs“ aufzubauen, der von Nazis organisiert gewesen sei. Denn Dorn saß ein für „Naziverbrechen“, auf 15 Jahre lautete das Urteil. Nach Aussagen der SED sollte sie am 17. Juni in Halle, kaum aus dem Gefängnis, gleich wieder als Anführerin der Aufstände zu den Massen gesprochen haben. Nichts davon ist aber nachzuweisen. Das meiste, was man von ihr weiß, stammt aus verschiedenen, zum Teil überzogenen Selbstbezichtigungen, die sich widersprechen und unter unklaren Bedingungen zustande kamen. Als gezielte Falschinformation wurde ein Artikel im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht, der nahe legte, dass Erna Dorn eine gewisse Gertrud Rabestein, KZ-Aufseherin, gewesen sei. Dabei hatte Dorn in deren Prozess als Belastungszeugin auftreten sollen. Dreieinhalb Stunden dauerte die Abendsitzung am 22. Juni, in der sie vom Bezirksgericht Halle zum Tode verurteilt wurde. Am 1. Oktober 1953 wurde das Urteil in Dresden vollstreckt. Bis es aufgehoben und für rechtswidrig erklärt wurde, vergingen 41 Jahre.

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