Wenn Politiker auch Eltern sind : Am Sonntag gehört Mama mir

Politiker in Parlamenten versuchen, das Arbeitsleben familienfreundlicher zu machen. Wie ist ihre eigene Situation? Drei Eltern aus dem Abgeordnetenhaus erzählen.

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Gemischte Gefühle. Clara West, Vize-Fraktionsvorsitzende der SPD im Abgeordnetenhaus, möchte Zeit für ihre Tochter haben.
Gemischte Gefühle. Clara West, Vize-Fraktionsvorsitzende der SPD im Abgeordnetenhaus, möchte Zeit für ihre Tochter haben.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Neulich wollte die Dreijährige, dass es auch mal andersrum läuft. Die Tochter von Clara West, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Abgeordnetenhaus, nahm sich Tasche und Mantel. „Mama, ich habe heute keine Zeit. Ich gehe jetzt arbeiten“, sagte sie. Ein Satz, den sie von ihrer Mutter oft gehört hat.

Seit 2011 sitzt Clara West im Abgeordnetenhaus, neben ihrer Funktion als stellvertretende Fraktionsvorsitzende ist sie Mitglied im Hauptausschuss. Ihre Tochter hat sie als Abgeordnete bekommen. Zwei Wochen vor der Entbindung sprach sie im Plenarsaal noch über Musik und Clubkultur. „Da war ich ganz schön drall“, sagt sie. Nach der Geburt acht Wochen Mutterschutz, dann war sie zurück im Parlament. „Elternzeit für Abgeordnete gibt es nicht. Unser Mandat ist geknüpft an unsere Person“, sagt West.

Politiker müssen häufig abends und am Wochenende arbeiten

Und so haben ausgerechnet diejenigen, die sich selbst in ihrem Beruf für die Vereinbarkeit von Job und Familie einsetzen, selber kaum Raum und Zeit für ihre eigenen Kinder. Wie sie damit umgehen ist unterschiedlich.

Bei West läuft es so: Ihr Mann nahm ein Jahr Elternzeit. Seither geht die Tochter in die Kita, bis 17 Uhr. An manchen Tagen holt West sie ab, geht mit ihr einkaufen, auf den Spielplatz, zum Abendbrot nach Hause. „In dieser Zeit versuche ich, nichts anderes reinkommen zu lassen und nur für sie da zu sein. Aber mein Telefon klingelt natürlich trotzdem.“ Wenn ihre Tochter schläft, fährt sie oft noch mal los, zum nächsten Termin. Kind und Politik zu vereinbaren – keine einfache Aufgabe. „Nicht nur für uns Frauen“, sagt West. Sitzungen im Hauptausschuss ziehen sich in den späten Abend, viele politische Termine können erst stattfinden, wenn die ehrenamtlichen Politiker Feierabend haben. „Politiker sind Überzeugungstäter, die für ihre Arbeit brennen. Wenn man wegen seiner Familie mal weniger macht, fällt das auf“, sagt sie. Und: Wenn sie selbst nicht dabei ist, treffen andere Entscheidungen in ihren Bereichen.

Clara West ist mit dieser Herausforderung nicht allein. Mit Politikern aller Fraktionen im Abgeordnetenhaus diskutiert sie informell Lösungen, wie sich das Mandat familienfreundlicher gestalten lässt. Als sie ihre Tochter noch stillte, hätten die Oppositionsfraktionen bei einem knappen Ergebnis im Hauptausschuss auf eine Stimme verzichtet – damit sie nicht gewinnen, nur weil West bei ihrem Baby war. „Ich habe sie einfach angesprochen und das vereinbart“, sagt West.

"Kinder-Zeit" für Abgeordnete

Auch mit Dagmar Schmidt, SPD-Abgeordnete im Bundestag, hat sie Verbesserungen diskutiert. Schmidt ist eine von sechs Gründerinnen der Initiative „Eltern in der Politik“. Diese Bundestags-Abgeordneten – darunter auch die ehemalige CDU-Ministerin Kristina Schröder und Katja Kipping, Vorsitzende der Linken – wollen die politische Arbeit familienfreundlicher machen. Babys und Kleinkinder in den Plenarsaal mitzubringen, soll bei namentlichen Abstimmungen grundsätzlich erlaubt sein.

Sie wollen eine „Kinder-Zeit“ für Abgeordnete, eine Art Elternzeit in Teilzeit, wie es sie im Landtag Baden-Württembergs schon gibt. Und sie fordern andere Abgeordnete auf, eine Selbstverpflichtung mit fünf Punkten zu unterschreiben. Dazu gehört ein politikfreier Sonntag, flexible Arbeitszeiten, familienfreundliche Veranstaltungen – und ein fairer Wettbewerb. Wer unterschreibt, erklärt: Wir kommentieren es grundsätzlich nicht negativ, wenn aus familiären Gründen Termine nicht wahrgenommen werden.

Babysitterservice während der Fraktionssitzung

Elf Abgeordnete des Abgeordnetenhauses haben die Erklärung unterzeichnet, darunter auch Florian Graf, Fraktionsvorsitzender der CDU. Er will die Punkte für seine Fraktionsmitglieder einhalten – und für sich selbst. Auch Graf ist Vater von zwei kleinen Kindern, drei und fünf Jahre alt. Morgens bringt er sie in die Kita, nachmittags holt seine Frau sie ab und kümmert sich.

Im Bundestag und auch im bayerischen Landtag gibt es eigene Kitas. Auch eine Idee für das Abgeordnetenhaus? „Eine dauerhafte Einrichtung ist aufgrund des Status als Teilzeitparlament nicht notwendig“, sagt Graf. Und verweist auf ein Betreuungsangebot, das es bereits gibt. Im „Kinderzimmer“ kümmern sich Babysitter während Fraktionssitzungen und Plenardebatten. Es gibt ein Spielzimmer mit bunten Bauklötzen und Malsachen auf kleinen Tischen, und einen Ruheraum mit Matratzen für den Mittagsschlaf sowie Wickeltisch. Graf hat das Zimmer noch nie genutzt. Seine Kinder gehen tagsüber in die Kita und auch seine Frau kümmert sich viel.

Stillen im Parlament

Ganz anders Anja Schillhaneck, in den vergangenen fünf Jahren Grüne Vize-Präsidentin des Abgeordnetenhauses und Sprecherin für die Themen Wissenschaft, Sport und Europa. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter wurde das Zimmer eingerichtet, einen Zeitungsartikel von der Einweihung hat sie aufbewahrt. Auf dem Foto hält sie ihr Baby im Arm. Schillhanecks Tochter ist mittlerweile sieben. „Sie ist eines der ersten Abgeordnetenhauskinder“, sagt sie.

Die Grünen-Abgeordnete Anja Schillhaneck hat ihre Tochter zum Bundesparteitag in Münster mitgenommen.
Die Grünen-Abgeordnete Anja Schillhaneck hat ihre Tochter zum Bundesparteitag in Münster mitgenommen.Foto: Özcan Mutlu

Schillhaneck nahm ihr Baby mit ins Büro, stillte sie im Parlament. Auch ihr Mann ging nach der Geburt in Elternzeit. „Wäre ich alleinerziehend, wäre es viel schwieriger“, sagt sie. Mit zehn Monaten ging die Tochter zur Tagesmutter, mit zwei in die Kita. Einen Tag pro Woche verbringt sie bei ihrer Großmutter. „Ohne ein großes Netzwerk würde es nicht gehen“, sagt Schillhaneck. Bis heute integriert sie ihre Tochter in die politische Arbeit, auch beim Parteitag der Grünen im November war sie dabei. „Manche Leute haben dafür kein Verständnis, aber meine Prioritäten lege ich fest. Ich habe mein Kind nicht dafür bekommen, dass ich sie nur vom Foto kenne“, sagt die Politikerin.

Vorbildlich bockig

Am schwierigsten seien auch für sie die vielen Termine am Abend und am Wochenende. Einen Sonntag ohne Politik findet sie eine gute Idee, schaffe es aber nicht, ihn immer einzuhalten. „Wenn ich entscheiden kann, dann lege ich keine Termine auf sonntags“, sagt Schillhaneck. Für die Abendtermine wünscht sie sich flexiblere Kita-Zeiten. „Mir hat es nichts gebracht, dass die Kita schon um sechs Uhr morgens öffnet. Ich habe meine Tochter selten vor zehn Uhr gebracht, hätte sie aber auch mal nach 17 Uhr abgeholt.“

Und von ihren Kollegen fordert sie mehr Rücksicht. „Wenn meine Tochter beim Parteitag mit ist, kann ich nicht um zehn Uhr abends noch informell bei einem Bier diskutieren“, sagt sie.

Als sie mit Baby im Parlament saß, habe Walter Momper, damals Präsident des Abgeordnetenhauses, gesagt: Vereinbarkeit dürfen wir nicht nur predigen, sondern auch machen. Als Abgeordnete und Arbeitgeberin für ihre Mitarbeiter habe sie eine Vorbildfunktion, sagt Schillhaneck. „Deshalb bin ich besonders bockig, wenn ich einfordere, dass meine Arbeit mit meiner Familie vereinbar sein muss.“

Dieser Text erschien auf der Familienseite des Tagesspiegels, immer mittwochs in der Printausgabe. Weitere Artikel zum Thema Familie finden Sie hier.

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