Berlin : Wenn’s beim Hinschauen wehtut

Ein nackter Mann und eine brüllende Frau: Die Ausstellung „Schmerz“ birgt manche Überraschung

Christian van lessen

Margit Behrenbeck aus Ravensburg steht im Foyer des Hamburger Bahnhofs und sieht unglücklich aus. „Meine Kinder haben sich geweigert, weiterzugehen. Ich finde es auch abschreckend.“ Sie weist auf die Frau, die laut auf sich selbst einschimpft und die ganze Halle beschallt. Eine TV–Installation. Angst hatten die Kinder auch in der Kinobox mit dem Zeichentrickfilm, in dem ein Mann brutal zusammengeschlagen wird. Das war zu viel Schmerz für die Familie am Karfreitag. Sie strebt schnell dem Ausgang zu.

Um Schmerz geht es in der Ausstellung, jenes unangenehme Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit akuter oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht, wie zu lesen ist. Dorothee Wierling aus Hamburg findet es „passend“, am Karfreitag hierherzukommen, ihr gefällt die Ausstellung – bis auf die schreiende Frau.

Jesus Christus, erfahren die Besucher, wurden während seiner Passion genau 5475 Wunden zugefügt. Crux – das bedeutet nicht nur Kreuz, sondern auch Qual und Unglück. Die Besucher, sofern sie sich nicht gleich durch den Quälgeist im Foyer abschrecken lassen, kommen in Scharen. Es geht um den Schmerz von Krankheiten und Kränkungen. Die Ausstellung lässt in Filmen Menschen über ihren kranken Körper sprechen, die Angst vor Transplantationen oder auch die Schmerzen einer Entziehungskur. Viele junge Menschen werden beim Hören und Sehen ganz still.

Ein nackter Mann überrascht und irritiert. Er tanzt in einem permanent laufenden Film, hat sichtlich keinen Spaß. Eltern ziehen verschämt kleine Kinder weg oder versuchen durch langes Hinsehen zu ergründen, was dieser Nackte wohl mit Schmerz zu tun hat. Der Sachverständige einer Führung erklärt, man müsse auf den kleinen Saurier in der unteren linken Ecke achten. Der symbolisiere, was es vor Urzeiten bedeutet habe, ein richtiger Mann zu sein. Dieser Tänzer versuche nun verzweifelt und vergeblich, seine Rolle zu finden – auch ein Schmerz.

Eine Besucherin sitzt traurig auf einem Stuhl, eine fast lebensechte Puppe, die Melancholie symbolisiert, Seelenschmerz. Viele Besucher sehen wirklich traurig aus, aber es wird auch ganz entspannt gelacht. Die Leute staunen über Sezierbestecke oder medizinische Präparate wie eingelegte Zehen, Hände und Füße, ganze Hände und Füße. Spaß macht der Film mit dem Mann, der schmerzverzerrt mit Boxhandschuhen auf einen Fernseher einschlägt, ein Werk von Joseph Beuys. Aufsehen erregt die „Eiserne Jungfrau“, eine Art Holzmantel mit Dornen, Folterinstrument aus dem 19. Jahrhundert. Weil das Medizinhistorische Museum der Charité beteiligt ist, werden – ganz aktueller Bezug – auch die Schmerzspezialisten des Hauses im Bild vorgestellt. Im Gästebuch loben Besucher die „sensible, wundersame Ausstellung“, die hilfreich sei, „Schmerz zu bewältigen“. Sie zeige auch, wie schön Schmerz sein kann. Andere sind kritisch, schreiben nur „No, No, No!“ oder nennen die Ausstellung „sensationsheischend, pseudo-religiös, eventgeil auf Ostern ausgerichtet“.

Enttäuscht ist der Berliner Mediziner Bernd Hagen. Die Ausstellung mache einen zufällig zusammengestellten Eindruck, er vermisse ein Konzept und wissenschaftlichen Hintergrund. Er hätte sich mehr Informationen über Schmerzforschung gewünscht, über „Schmerzsensationen“ wie das Laufen über Feuer.

Die Marke Aspirin gehört übrigens zu den Unterstützern der Schmerz-Ausstellung. Passende Postkarten gibt es auch: „Kopf hoch“ .

„Schmerz“: Hamburger Bahnhof (Invalidenstraße 50/51, und Medizinhistorisches Museum der Charité, bis 5. August, Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sa. 11–20 Uhr, So. 11–18 Uhr, 8 Euro, erm. 4 Euro

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