Berlin : Wer eine Wohnung sucht, muss sich bei Schülern bewerben

„Stark gemacht“ (Folge 3): Die Heinz-Brandt-Oberschule arbeitet mit Firmen zusammen

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Von Claudia Keller

Schulen machen sich fit für die Zukunft – und der Tagesspiegel ist dabei. Nach dem schlechten Abschneiden Berlins bei der Pisa-Studie stellen wir Schulen vor, die Eigeninitiative und Kreativität groß schreiben und erste Erfolge vorzeigen können. Im dritten Teil unserer Serie widmen wir uns einer Hauptschule, die eng mit der Wirtschaft zusammenarbeitet. Mitarbeiter aus Unternehmen kommen in die Schule und vermitteln den Schülern Fähigkeiten, die auf dem Lehrstellenmarkt gefragt sind. Am 1. Oktober wird die Schule in Weißensee dafür von der IHK ausgezeichnet.

Die Schule: Die 208 Schüler werden von 26 Lehrern unterrichtet, einige Jugendliche bereiten Probleme wegen ihrer rechtsradikalen Gesinnung. „Unser größtes Problem ist das mangelnde Selbstbewusstsein der Jugendlichen“, sagt Karla Werkentin, die Schulleiterin. Es ist neun Uhr, für viele Schüler steht „Arbeitslehre“ auf dem Stundenplan, eines der Hauptfächer in der Hauptschule. Es wird ab der siebten Klasse bis zum Abschluss in der zehnten unterrichtet. Auf geputzten Arbeitsflächen belegen Schüler Brötchen, nebenan wird Metall gelötet. Ein Stockwerk höher sitzen neun Zehntklässler vor Computern. In jedem Beruf muss man heute mit dem Computer arbeiten, sagt Werkentin. Der Rahmenplan sieht aber weniger als fünf Prozent Unterricht mit dem PC vor.

Das Besondere: In der neunten und zehnten Klasse können Schüler im Fach Arbeitslehre Kurse in Verwaltungswirtschaft besuchen. Dafür stellt die Hausverwaltung Drost in Weißensee eine Immobilie aus dem Sanierungsgebiet zur Verfügung, die Berlin-Brandenburgische Fortbildungsakademie den Mitarbeiter Sascha Kotowski. Er ist Kaufmann für Grundstück- und Wohnungswirtschaft. Von ihm lernt die neunte Klasse, wie man mit wenig Geld wirtschaftet, was das Mietrecht regelt, wie man mit Excel und Word Rechnungen kontrolliert, Geschäftsbriefe schreibt und wie man mit Buchungsprogrammen Mietein- und ausgänge kontrolliert. Die Schüler aus der Zehn sind vor Ort Ansprechpartner, wenn sich neue Mieter vorstellen, überlegen sich, was zu tun ist, wenn etwas in Wohnungen kaputt ist. Sie werden zur zweiten Hand von Norbert Drost. „Wichtig ist, dass sie selbständig lernen, Problem zu lösen“, sagt Kotowski.

„Wir werden richtig gebraucht, das macht total Spaß“, sagt der 16-jährige Patrick Ziemer. „Da lernt man wenigstens, was man hinterher auch nutzen kann.“ Es gibt keine Klassenarbeiten, bewertet wird, wie gut man sich und das Projekt mündlich präsentieren kann. Auch das ist auf die Praxis zugeschnitten, denn viele können selbst in der zehnten Klasse keinen vollständigen Satz bilden, sagt Kotowski. Alle Schüler im Verwaltungskurs haben jetzt ein besseres Zeugnis als vor Beginn des Kurses. Sie wissen, wie wichtig es ist, einen Geschäftsbrief ohne Fehler schreiben zu können, und wofür man Mathe braucht. Deshalb sind sie jetzt auch in anderen Fächern motivierter.

Die traditionelle Hauptschule trainiere nur manuelle Fähigkeiten. Aber Tischlern und Kochen ist auf dem Markt nicht gefragt, sagt Werkentin. Die Hausverwaltung ist zuversichtlich, dass alle Absolventen des Verwaltungskurses eine Lehrstelle finden werden. Selbstbewusst sollen die jungen Leute werden – dazu gehört auch, dass sie zur Bewirtschaftung der Cafeteria eine Schülerfirma gegründet haben und Mädchen einen Tanzkurs mit Simon Rattle machen werden.

Was es kostet: Unermüdlicher Einsatz der Schulleiterin und der Lehrer, Sponsorengelder aus der Wirtschaft, die Bereitschaft von Firmen, mit Schülern zusammenzuarbeiten. Um noch praxisorientierter zu arbeiten, will die Rektorin einen Vertrag über die Dienstleistung der Schüler bei der Hausverwaltung abschließen und Geld einnehmen. Auch mit dem Ring Deutscher Makler ist eine Kooperation geplant.

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