Berlin : Wer keine Papiere hat, taucht im Wedding einfach unter

Unterwegs mit Polizisten vom „Arbeitsgebiet Ausländer“ – sie haben es vor allem mit armen Migranten zu tun

Werner van Bebber

Die Wohnung hat zwei Zimmer und ist vor zwanzig Jahren frisch gestrichen worden. Sie hat acht Bewohner, vermutlich Bauarbeiter, die in acht alten Betten in den zwei Zimmern schlafen. Die Männer sind nicht alt, die Wohnung aber riecht nach alten Polstern und Teppichböden. Individuellster Einrichtungsgegenstand ist ein Kasten Schultheiss. Sechs Polizisten vom „Arbeitsgebiet Ausländer“ stehen plötzlich im Flur und tun, was sie an diesem grauen Nachmittag schon ein paar Mal gemacht haben: Sie fordern die Männer auf, sich auszuweisen. Sieben haben gültige Papiere, einer nicht. Der Mann hat, das erfahren die Polizisten beim Abgleich der Personalien mit den polizeiinternen Datensammlungen, zwei Ausreiseverfügungen missachtet. Er spricht nur ein paar Worte Deutsch. Mit Worten und Gesten fordert ihn einer der Polizisten auf, seine Habseligkeiten zu packen – sie passen in eine Sporttasche. Ein Krabbeltier flieht, als der Mann seine Tasche hochhebt.

Der Bulgare gehört zu den typischen Kunden der Polizisten, die sich in der Direktion 3 mit dem „Arbeitsgebiet Ausländer“ befassen. Wedding, Mitte, Tiergarten – hier findet sich alles, was zu einem schwierigen Bezirk gehört: billige Wohnungen und Leute, die sie teuer vermieten; Illegale und Dumping-Arbeiter, die sich nichts anderes leisten können als ein Bett in einem ungelüfteten Altbauzimmer; Leute in allen Stadien eines Asylverfahrens, die in Magdeburg oder Beelitz bleiben müssten, aber nach Berlin gekommen sind, weil sie hier Bekannte haben oder auf einen Job hoffen.

Zweimal brauchen die Zivilpolizisten die Handschellen, als sie später in einer anderen Weddinger Altbau-Wohnung auf drei türkische Männer und zwei deutsche Frauen stoßen. Die Armut riecht hier nach Zigarettenrauch, vermischt mit dem Mentholgeruch von Hustensaft. Die junge Frau auf dem Sofa hustet und raucht ihren Infekt heraus, ihre kleine Tochter macht große Augen wegen der vielen Polizisten, die gegen den dröhnenden Fernseher und den Streit suchenden türkischen Freund der Mutter anreden. Der jedenfalls hat gültige Papiere und fragt aufgebracht: „Was soll das?“ Die hustende Frau, der die Wohnung gehört, sagt nichts. Die beiden renitenten Gäste wollten es auf eine Rangelei mit den Polizisten ankommen lassen, haben rasch aufgegeben und warten nun auf den Transport zum Polizeigewahrsam.

Oft geben Anwohner oder Nachbarn den Polizisten Hinweise auf Wohnungen, in denen erstaunlich viele Leute übernachten. 400 Euro kostet die Acht-Mann-Behausung für Bauarbeiter angeblich, bar an jemanden zu übergeben, der irgendwann Anfang des Monats kommt und die Miete verlangt. Allein der Wucher mit den Mieten wäre Grund genug für die Polizisten, das System von Schwarzarbeit und Ausbeutung immer wieder zu stören. Dazu kommt der Sozialhilfemissbrauch. Früher am Nachmittag waren die Beamten an der Festnahme eines deutschen Paares beteiligt. Die Frau und der Mann fuhren einen Ford Focus Kombi mit britischem Kennzeichen und trugen bei der Festnahme an einer Straßenecke Diplomatenpässe bei sich. Ein Polizist schüttelt den Kopf: „Schlechte Fälschung“, sagt er zu dem angeblichen Ausweis der Vereinten Nationen. Aber das Papier war offenbar gut genug, um damit zu einem Autohaus zu gehen, ein Auto zu bestellen, dessen Bezahlung durch die Vereinten Nationen anzukündigen und mit dem neuen Ford und seinem gefälschten britischen Kennzeichen davon zu fahren.

Der kleine dicke Mann mit den falschen Papieren sitzt längst im Polizeigewahrsam und wartet auf den Termin beim Haftrichter, als die Polizisten das „Salia“ in der Exerzierstraße betreten. Der pinkfarbene Anstrich dieses Bordells ist wohl erheblich älter als die vier dunkelhäutigen Frauen, die hier anschaffen. Armut riecht manchmal nach Räucherkerzen und Desinfektionsmittel. Die schönste der vier ist anerkannte Asylbewerberin – anschaffen darf sie nicht. Ihre Augen blitzen vor Wut, als sie hört, dass sie mitkommen muss. Nur die Silikonschönheit auf dem Plakat an der Wand lächelt noch. Als die Polizisten das Bordell verlassen, stehen drei junge Männer vor der Tür, mit ebenso viel Vorfreude wie Erstaunen im Blick.

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