Berlin : „Wer soll dich killen?“

Ein Buch untersucht den Tod des Aubis-Mitarbeiters Petroll

Sabine Beikler

„Ein toter Kronzeuge im größten Berliner Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit. Umgekommen unter mysteriösen Umständen. Muss das nicht der Beginn intensivster Nachforschungen von Mordkommission und Staatsanwaltschaft sein? Offenbar nicht. Nach kurzen, scheinbar lustlosen Ermittlungen lautet das Ergebnis: Selbstmord. Akte geschlossen. Der Fall ist erledigt. Lars Oliver Petroll ist abgehakt.“

Diese Sätze sind dem ersten Kapitel des Buchs entnommen, das am heutigen Montag vorgestellt wird. Der Titel heißt: „Tod im Milliardenspiel – Der Bankenskandal und das Ende eines Kronzeugen“. Auf über 200 Seiten haben die Autoren Susanne Opalka und Olaf Jahn ihre zweijährigen Recherchen über den mysteriösen Tod des ehemaligen Aubis- EDV-Spezialisten Petroll zusammengetragen, der im September 2001 erhängt im Grunewald aufgefunden worden war. „Je länger wir recherchiert haben, umso mehr haben wir entdeckt, was gegen einen Selbstmord spricht“, sagt Jahn. Wie berichtet, hat es die Staatsanwaltschaft mehrfach abgelehnt, die Ermittlungen wieder aufzunehmen.

Petroll kam in einer Zeit ums Leben, in dem das Ausmaß der Bankenkrise deutliche Konturen annahm. Um die Komplexität der Ereignisse dem Leser zu erklären, beschäftigen sich die Autoren, Mitarbeiter des ARD-Politikmagazins „Kontraste“, im ersten Teil des Buches mit den Strukturen des Skandals, erklären gut verständlich und komprimiert die Entstehungsgeschichte, den Aufbau und das Geschäftsgebaren des Aubis-Immobilienkonzerns. Opalka und Jahn beschreiben die Karriere der beiden Aubis-Geschäftsführer Klaus Wienhold und Christian Neuling.

Als leitender Aubis-Angestellter kannte Lars Oliver Petroll viele Firmeninterna. In den letzten zwölf Monaten seines Lebens muss er sich bei dem Unternehmen nicht mehr wohlgefühlt haben, wollte weg von Aubis, tauchte bei verschiedenen Freunden unter und bot sich über Mittelsmänner als Belastungszeuge in der Bankenaffäre an. Im Freundeskreis hatte der 32-Jährige erzählt, dass er sich bedroht fühle. Das dokumentieren die beiden Buchautoren im zweiten Teil des Buches. Opalka und Petroll haben mit vielen Freunden von Petroll gesprochen, die ihn sich „nie und nimmer“ als Selbstmordkandidaten vorstellen konnten, sondern als sehr intelligenten, fröhlichen und leicht verspielten Frauentyp beschrieben.

Warum hat sich Petroll dann angeblich umgebracht? Ein Pilzesammler findet ihn an einem Septembermorgen, am Ast einer alten Eiche hängend, im Jagen 59 im Grunewald. Zwar gab es am Tatort Spuren, die auf einen Einfluss von außen hindeuten, doch die Obduktion brachte keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden. Erst Monate später begann die Staatsanwaltschaft wegen des Tatverdachts eines Kapitalverbrechens zu ermitteln, stellte die Ermittlungen aber wieder ein.

Die Autoren Opalka und Jahn beschreiben in ihrem Buch detailliert, dass jedoch schon in den ersten Tagen der Ermittlungen die Tendenz zur Selbstmordthese „überdeutlich“ war, dass wichtige Zeugen wie ehemalige Aubis-Mitarbeiter bis heute nicht vernommen wurden, dass die Ermittlungsbehörden bei einer Wohnungsdurchsuchung von Petroll rund 120 Disketten mit Aubis-Daten nicht mitnahmen oder sich auch nicht für ein Handy interessierten, auf dem 42 SMS-Texte mit zum Teil brisantem Inhalt gespeichert gewesen waren. Demnach lautete eine SMS: „Wer soll dich killen?“

Susanne Opalka und Olaf Jahn zeigen Widersprüche, Ungereimtheiten und Pannen während der Ermittlungen auf, erzählen von vernichteten Asservaten wie Kleidung, und Strangmaterial und schildern spannend von dem Versuch, mit Hilfe eines renommierten Kriminalisten die möglichen Abläufe im Grunewald nachzustellen. Die Autoren treffen bewusst keine Aussage darüber, wie Lars Oliver Petroll zu Tode gekommen ist. „Wir wissen nicht, ob es sich um einen Mord gehandelt hat“, sagt Olaf Jahn. „Aber aufgrund der Tatsachen wäre es nötig, noch einmal zu ermitteln – und zwar ergebnisoffen.“

„Tod im Milliardenspiel - Der Bankenskandal und das Ende eines Kronzeugen“, Transit-Buchverlag, ISBN 3-88747-190-3

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