Berlin : Werner Hopmann (Geb. 1916)

Nichts vergessen, verdrängen. Sprechen. Darum geht es.

Tatjana Wulfert

Gerade das ist unmöglich, es geht nicht, nichts kann auf Dauer verdrängt werden, alles bleibt in einer Weise gegenwärtig, drängt mit ungeheurer Kraft nach vorn, übt beharrlich seine Wirkung aus.

Verdrängen aber soll man augenscheinlich, wer will in diesen Zeiten schon von der Not hören. Die Not ist groß, in diesen Zeiten. Die Not vor allem in den Köpfen, den Kinderköpfen.

Es ist 1945, das Land zerstört. Brüder, Väter, Söhne sind vor Jahren schon abgeholt worden oder eingezogen, sind nicht nach Hause gekommen oder nur mit einem Arm oder einem Bein oder einer Wunde, die von außen nicht zu sehen ist. Zu Hause sitzen die Frauen. Und die Kinder. Niemand erklärt ihnen, warum die tief in ihren Höhlen liegenden Augen des Bruders fortwährend trüb aus dem Fenster blicken, der Vater immerzu müde oder betrunken ist, dann jähzornig, die Mutter stumm. Niemand tröstet die Kinder. Sie reagieren, ducken sich oder benehmen sich aufsässig gegen die Eltern. Die wiederum „sind der Meinung, Erziehungsschwierigkeiten seien am besten durch Strenge zu lösen“, schreibt Werner Hopmann, Psychotherapeut und Analytiker, in „Eine Lektion über ,die Tracht Prügel’“. Und weiter: „Man weiß heute, dass Erziehungsschwierigkeiten im Allgemeinen mit sehr feinen seelischen Konflikten und verborgenen Ängsten zusammenhängen … Diesen Kindern kann geholfen werden, weil sie damit nicht auf die Welt gekommen sind.“

In den Kindertagen Werner Hopmanns folgte auf jede Störung der elterlichen und also der gesellschaftlichen Ordnung naturgemäß die Strafe, wer schrie, wurde vor die Tür geschoben, wer weiter schrie, bekam eine Ohrfeige. Kinder, die als Jugendliche nicht aufhörten zu schreien, laut oder stumm, erklärte man für abartig. Werner Hopmann hatte einen älteren Bruder. Geistesgestört soll er gewesen sein, schwermütig und lebensmatt war er. Man holte ihn ab, steckte ihn eine Anstalt, brachte ihn um, als die Menschen blond, blauäugig und gesund zu sein hatten.

Nur den Kummer, das Entsetzen spürt der jüngere Bruder, er versteht nicht, er will verstehen. 1935 geht er nach Genf, studiert zunächst Wirtschaft, dann Soziologie und Psychologie, promoviert in französischer Sprache bei Jean Piaget, dem bedeutenden Psychologen, der die Entwicklung von Sprache, Denken, Weltbild und Moral des Kindes untersucht. Das Thema seiner Doktorarbeit zeigt bereits die Nähe zu einer Variante der Psychoanalyse, der Neoanalyse, die auch soziale Ereignisse, nicht allein die Triebe als Ursache von Konflikten ausmacht. 1941 schreibt Werner Hopmann sich bei Harald Schultz-Hencke ein, einem Neoanalytiker, am damaligen Reichsinstitut zur psychoanalytischen Ausbildung.

Jeder Analytiker muss eine Lehranalyse absolvieren. Werner Hopmann liegt vier Jahre auf der Couch von Margarete Seiff, einer Analytikerin in der Institutsabteilung Erziehungshilfe – und seiner zukünftigen Schwiegermutter. Die Sitzungen finden im Haus von Margarete Seiff statt, ihre Kinder, auch Gelia, sehen den jungen Mann, der, zunächst, dreimal in der Woche die Mutter besucht, später, nach der Analyse, die Tochter. Werner und Gelia heiraten, bekommen Kinder, Monika und Michael. Die schiebt er nicht vor die Tür, gibt ihnen keine Ohrfeigen. Begegnet ihnen mit Humor, seine „leichte französische Seite“ nennt es Monika, ein Vater, der tanzt, Tennis spielt, einen Garten anlegt, die alten Erziehungsmethoden in den Köpfen überwinden will. Er arbeitet im Institut für Psychopathologie und Psychotherapie, beim Senat als leitender Sozialdirektor, beschafft Geld, damit schwer traumatisierten Kriegskindern geholfen werden kann. Und er führt seine eigene Praxis.

Nichts vergessen, verdrängen. Sprechen. Darum geht es.

Der Patient legt sich auf die Couch, bezogen mit einem hellen weichen Stoff, die Füße auf einem schmalen Perserteppich, der Blick gerichtet auf die Traumvisionen Chagalls, beginnt zu reden. Werner Hopmann sitzt in seinem Sessel und hört zu. Tatjana Wulfert

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