Berlin : Werner Krebs (Geb. 1919)

"An Schicksalsschlägen darf man nicht verzweifeln"

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Die Enkelin streicht sanft über ein schwarzes Ringbuch. Es enthält Aufzeichnungen ihres Großvaters, Erinnerungen daran, wie es war, im zerbombten Berlin ein Haushaltswarengeschäft zu gründen. Peinlich genau erläutert er auf knapp einhundert Seiten die Formalitäten, mit denen er sich herumschlagen musste, die Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung, die Probleme mit der Stromversorgung und dem öffentlichen Nahverkehr. Kein Wort über den Krieg.

Die Enkelin hat ihn nie nach seinen Erfahrungen an der Ostfront gefragt, ob er geschossen hat, wie es war, von einem Tag auf den anderen vollständig zu erblinden. Wie so viele seiner Generation verstand Werner Krebs auf eine Weise zu schweigen, dass niemand ihn darin zu stören wagte.

Er berichtete lediglich, dass es die Splitter einer zerberstenden Fensterglasscheibe waren, die ihm die Augäpfel zerschnitten. Auf Seite 35 seiner Aufzeichnungen steht: „Schicksalsschläge muss man nehmen können und darf daran nicht verzweifeln, sondern muss sich festigen. Vielleicht wird man dadurch härter, doch das muss wohl so sein.“

Weitermachen, als wäre nichts geschehen. Werner Krebs hatte Goldschmied gelernt, um eines Tages das Juweliergeschäft der Eltern zu übernehmen. Schmuck herzustellen ging nun nicht mehr, dafür aber Körbe, Bürsten und Besen, die er in einer Blindenwerkstatt anfertigte. Und waren nicht die elementarsten Dinge das Gold jener Tage? Seine Mutter half ihm dabei, einen geeigneten Laden zu finden und zusätzliche Waren zu beschaffen. „Das Kleine Kaufhaus“ nannte er sein Geschäft.

Er heiratete eine seiner Verkäuferinnen, Irene, eine Freundin seiner kleinen Schwester, die in ihm schon vor dem Krieg „jung Siegfried“ gesehen hatte. Mit ihr bekam er zwei Töchter. Als die Geschäfte nicht mehr so gut liefen, schulte er noch einmal um. Arbeit zu finden war nicht schwer in West-Berlin. Er wurde Sachbearbeiter im Öffentlichen Dienst, mit einer persönlichen Vorleserin an seiner Seite.

Für die Enkelin war er einfach ein netter alter Mann, der, ohne viele Worte zu verlieren, patriarchale Autorität verströmte. Einen Blindenhund wollte er nicht. „Ich habe ja euch“, sagte er und meinte seine Frau und seine Töchter.

Die Blindheit schärfte sein Gedächtnis und sein Kombinationsvermögen. Fuhr eine Tochter mit ihm durch Berlin und suchte nach dem Weg, ließ er sich einen Straßennamen sagen und lotste sie: Geradeaus, dritte Straße rechts. Auf Autobahnstrecken, die er kannte, fragte er dann und wann nach Kilometerstand und Geschwindigkeit und verkündete: „In vier Minuten kommen wir an einer Raststätte vorbei.“

Die Aufzeichnungen in dem schwarzen Ringbuch stammen von 1950, und somit auch der Satz von der zwangsläufigen Verhärtung durch Schicksalsschläge. Die Enkelin glaubt jedoch, dass die Erblindung im Laufe der Jahrzehnte vielmehr den Verhärtungen entgegenwirkte, schulte sie doch seine Aufmerksamkeit und sein Feingefühl.

Am Tag der Beerdigung von Werner Krebs trat eine alte Dame auf die Familie zu und sagte: „Er war der einzige, der mich gesehen hat.“ Dann erzählte sie von einer Tanzveranstaltung in dem Ruderclub, den Werner Krebs regelmäßig besuchte. Es war nur ein paar Jahre her. Während sich überall Pärchen drehten, saß sie am Rande und wartete vergeblich auf einen Kavalier. Bis Werner Krebs, wie auch immer ihm das gelang, sie erblickte und aus ihrer Einsamkeit erlöste.

Noch einmal streicht die Enkelin über das schwarze Buch, das wie ein Fremdkörper in ihrer bunt eingerichteten Wohnung liegt. „Es steht ja wenig Persönliches drin“, sagt sie. „Ich hoffe, ich konnte Ihnen trotzdem etwas von ihm erzählen.“ Anne Jelena Schulte

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