Berlin : Westernhagens Rock

Eine Ausstellung im Kronprinzenpalais zeichnet 50 Jahre Musikgeschichte Deutschlands nach

Sebastian Leber

Läge das zersplitterte Stück Holz irgendwo auf der Straße, es wäre ein Fall für die BSR. Aber hier, auf dem kleinen Podest im ersten Stock des Kronprinzenpalais’, bleiben die Menschen ehrfürchtig davor stehen. Weil das Brett einmal Sitzfläche einer Bank war und als solche in der Berliner Waldbühne stand. Bis randalierende Rolling-Stones-Fans, beim berühmten Konzert 1965, alles kaputt schlugen. Wenn das Holz eine Botschaft vermitteln soll, dann wohl diese: Rockmusik kann in Menschen ungeheure Kräfte freisetzen.

Seit dem Wochenende ist die Ausstellung „Rock! Jugend und Musik in Deutschland“ im Kronprinzenpalais Unter den Linden geöffnet. Anhand von Fotos, Texten und Hörbeispielen wird die Entwicklung der west- und ostdeutschen Rockszene der letzten 50 Jahre nachgezeichnet. Am meisten beeindrucken die vielen, oft sonderbaren Star-Devotionalien: Im Eingangsbereich hängt der verwaschene Wollpulli von „Tote Hosen“- Sänger Campino an der Wand, daneben ein nicht weniger hässliches Bühnenoutfit von Marius Müller-Westernhagen. Auch an internationale Größen, die in Deutschland Erfolg hatten, wurde gedacht: Da ist der Seesack, mit dem Elvis Presley 1958 als Soldat nach Deutschland kam. Gleich darüber seine Armeejacke – von einem Fan aus Elvis’ BMW geklaut. Beziehungsweise: für die Nachwelt erhalten. Neben Bob Dylans Mundharmonika und einer goldenen Schallplatte von Jimi Hendrix findet man ein Oberteil, das „The Doors“-Sänger Jim Morrison angeblich 1970 auf einem Rockfestival trug und dann einer Verehrerin schenkte. Wahrscheinlich wurde es seitdem nicht mehr gewaschen, aber das riecht man nicht, das Hemd hängt sicher hinter Glas.

1200 Dokumente und Exponate haben die Ausstellungsmacher von der Bundeszentrale für politische Bildung (Bpb) und dem Bonner Haus der Geschichte zusammengetragen. Bisher war „Rock!“ in Leipzig und Bonn zu sehen, 230 000 Besucher wurden gezählt. In den nächsten drei Monaten dürften noch einige dazukommen, die Ausstellung im Kronprinzenpalais kostet nämlich keinen Eintritt.

Wer viel Zeit hat, kann sich alte Konzertmitschnitte auf der Großbildleinwand ansehen. Etwa einen Auftritt von „The Who“, an dessen Ende die Briten – wie sie es in den 60ern gerne taten – nacheinander ihre Instrumente zertrümmerten. Damals haben solche Aktionen bestimmt Sinn gemacht, wahrscheinlich. Bpb-Präsident Thomas Krüger ist jedenfalls von der historischen Leistung der Rockmusik überzeugt: „Es war schon immer die Jugendkultur, die alte Konventionen hinterfragt und damit Gesellschaften vorangetrieben hat.“ Besonders stolz ist Krüger darauf, dass in der Ausstellung auch der DDR-Rockszene Platz eingeräumt wurde. So hilft sie vielleicht, fast vergessenen Musikgruppen den verdienten Platz in der Geschichte zu sichern. Man denke nur an die Erfurter Punkband „Schleim-Keim“, die ist schon wegen ihres Namens erinnerungswürdig. Nicht endgültig geklärt ist unter Rock-Historikern die Frage, ob die „Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ 1973 in Ost-Berlin tatsächlich „das Woodstock des Ostens“ waren. Hier haben die Ausstellungsmacher Fingerspitzengefühl bewiesen und hinter den Vergleich zumindest ein Fragezeichen gesetzt.

Wenig schmeichelhaft kommt die Musik des wiedervereinigten Deutschlands in der Ausstellung weg. Als Beispiel für Bands mit gesamtdeutschem Erfolg werden ausgerechnet die von Rockmusikhörern nicht unbedingt geschätzten Pop-Jodler „Die Prinzen“ geehrt. Und dann ist da noch der Nebenraum im ersten Stock, in dem der elektronischen Musik der 90er Jahre ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt wird. Er ist klein, spärlich möbliert und an den Wänden weiß gekachelt. In einer Ecke stapeln sich leere Alkoholflaschen. Der trostlose Raum soll den Prototyp eines „Berliner Clubs“ darstellen, wie die Hinweistafel erklärt. Nicht sehr nett, aber treffend.

Die Ausstellung läuft bis zum 4. März dienstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr. Informationen unter www.hdg.de. Eintritt frei.

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