Berlin : Whisky Liederabend im Kino Lichtblick

Harald Martenstein

Der Komponist Hanns Eisler hat, wie auch unmusikalische Menschen wissen, einige klassische Arbeiterlieder sowie die Nationalhymne der DDR geschrieben. Eisler ist ein beliebtes Thema für Nostalgieveranstaltungen, im vergangenen Jahr wurde zudem groß sein 100. Geburtstag gefeiert. Eisler ist durch, wie man so sagt. Einen neuen Zugang zu ihm sucht und findet ein Liederabend im Kino Lichtblick mit dem passenden Titel "Hanns Eislers Weltfremdheit": Aus Texten von Brecht, Hölderlin, Eisler und Thomas Stark entsteht das Porträt eines manchmal erfreulich ratlosen Mannes, den es durch die geistigen und politischen Stürme des Jahrhunderts treibt. Kein Klassiker, sondern ein Suchender, hin- und hergerissen zwischen der USA und der Sowjetunion, Deutschland und Judentum, Brecht und Adorno, musikalischer Avantgarde und sozialistischer Traditionspflege, Volksnähe und Volksferne, Geldverdienenmüssen und Reichwerdenwollen, Whiskytrinken und Komponieren, Flüchten und Heimkehren. In Eislers Biographie ist alles drin, bloß keine Gewißheit. Die bekannten Gassenhauer fehlen denn auch in diesem Programm, kein "Solidaritätslied" oder "Roter Wedding". Die Lieder werden mit einer Spur von Melancholie gesungen, mit distanzierter Zuneigung, mit ein wenig Ironie und ganz ohne Pädagogik. Es ist keine Nostalgieveranstaltung, sondern die Wiederbelebung eines wachen Geistes, und dauert nur knapp eine Stunde (Hanns Eislers Weltfremdheit, am 4. und 5. Dezember, jeweils 19 Uhr, Kastanienallee 77. Telefon 44008843). Was noch? Die beiden Sängerinnen Kate und Dorothy haben sehr schöne Stimmen und tragen schwarz, der Ort ist ein kleines Kino in Prenzlauer Berg. Hinter Ortfried Perls Piano leuchtet ein großes blaues Dia: das Meer.

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