Berlin : „Wie im Selbstbedienungsladen“

Nach dem Überfall im Amtsgericht Schöneberg kritisiert die Polizei heftig die mangelnde Sicherheit

Jörn Hasselmann

Eine Minute später wäre es für die Räuber zu spät gewesen. Der spektakuläre Überfall auf das Amtsgericht Schöneberg war nach Einschätzung der Kriminalpolizei perfekt ausbaldowert. Die Kripo kritisierte gestern mit scharfen Worten die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen vor Gericht. „Unglaublich, wie eine Behörde mit Geld umgeht“, sagte Chefermittler Manfred Schmandra. Das Geld habe offen auf dem Tisch gelegen, nicht einmal eine Kassette oder ein Tresor sei vorhanden. „Einfacher kann man es Tätern nicht machen“, sagte der Kriminaloberrat, das sei wie im „Selbstbedienungsladen“.

Wie berichtet, hatte das Trio am Dienstag 128 000 Euro Bargeld und einen Scheck über 10 000 Euro erbeutet. Die Zwangsversteigerung des Zehlendorfer Hauses war eben erst zu Ende gegangen, die leer ausgegangenen Bieter sollten gerade ihr hinterlegtes Geld zurückbekommen. Jeder von ihnen hatte zehn Prozent der gebotenen Summe hinterlegen müssen – das Haus in der Spanischen Allee hatte einen Verkehrswert von 400 000 Euro, der Zuschlag war für 280 000 Euro erteilt worden.

Die Justizverwaltung teilte gestern knapp mit, dass „weitere erforderliche Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet worden“ seien. Details nannte man aus taktischen Gründen nicht. Bislang gibt es im Schöneberger Amtsgericht, in dem für mehrere Bezirke die Zwangsversteigerungen stattfinden, nicht einmal einen Pförtner. So konnten die Täter – nach Zeugenaussagen Südländer, die jedoch sehr gutes Deutsch sprachen – direkt in den Saal kommen und die Anwesenden mit einer Schusswaffe bedrohen. Offenbar waren sie über die Geschehnisse im Saal 110 gut informiert, vermutlich durch einen unbekannt gebliebenen Komplizen.

Im Saal 110 in der Außenstelle des Amtsgerichts in der Ringstraße saßen zu diesem Zeitpunkt etwa 50 Bieter, der Rechtspfleger, der die Versteigerung leitet, und eine Protokollzeichnerin. Ohne Gegenwehr konnten die Täter sich das Geld nehmen; ihren Versuch, auch die Anwesenden auszurauben, brachen sie vermutlich aus Zeitgründen ab. Für einige zum Glück: Ein Ehepaar hatte beispielsweise 240 000 Euro in bar dabei. Vermutlich waren die Täter schon morgens am Tatort gewesen, da um 9 Uhr ein Haus in Wannsee zur Versteigerung anstand – für 767 000 Euro. Diese Zwangsversteigerung war kurzfristig abgesagt worden. Die meisten Immobilien bei solchen Versteigerungen haben niedrigere Verkehrswerte.

Von den drei Räubern, die in einem schwarzen Mercedes der neuen B-Klasse flüchteten, fehlt jede Spur. Beim Überfall waren die Täter maskiert, ein Zeuge hatte sie aber auch ohne Masken im Auto gesehen. Die Kripo bittet jetzt alle Personen, die den Überfall miterlebten, sich unter der Telefonnummer 4664 944 101 zu melden. Denn die zuerst eingetroffenen Polizisten hatten alle Zeugen gehen lassen, ohne die Personalien zu notieren, auch dies sei ein Versehen gewesen, hieß es. Derweil prüft die Justiz, wer den Schaden tragen muss – das Land oder die Bieter.

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