• Wie Nathanael sich in eine Roboterin verguckte, oder: Der alte Traum vom Automatenmenschen

Berlin : Wie Nathanael sich in eine Roboterin verguckte, oder: Der alte Traum vom Automatenmenschen

Andreas Conrad

"Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Uhrwerks bedingt. Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der singenden Maschine, und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz unheimlich geworden . . ." Kommt Ihnen das bekannt vor, gerade in diesen Tagen, da P 3, Hondas Händeschüttler im Gropiusbau, geradezu Prominentenstatus erlangt hat, obwohl er nicht mal einen der "Sieben Hügel" hinauf-, geschweige denn hinunterkommt? Singen kann er schon gar nicht.

Zugegeben, im November 1815 war die Puppe Olimpia nur eine Fiktion, ersonnen von E.T.A Hoffmann, Mitarbeiter am Berliner Kammergericht, noch ohne Gehalt und nur mit beratender Stimme - seine Ernennung zum Rat kam erst später. Schon im Jahr zuvor hatte er sich mit dem mechanischen Menschen beschäftigt, entstanden war daraus die Erzählung "Die Automate" über einen künstlichen Türken mit Uhrwerkantrieb, fähig, auf Fragen zu antworten, "bald trocken, bald ziemlich grob und spaßhaft". Olimpia, die Automatenfrau aus der Erzählung "Der Sandmann", stellt also, was ihr Sprachvermögen betrifft, einen technischen Rückschritt dar, vermag sie doch nur immerzu "Ach - Ach - Ach!" zu seufzen, für den Studenten Nathanael aber genug, um in tiefe Liebe zu ihr zu verfallen.

Da haben wir es wieder: Etwas wird als die tollste Sache der Welt präsentiert, als supercool und brandaktuell, aber nach einigem Sinnieren muss man sich doch eingestehen: Déjà vu. Denn der mechanische Mensch, die Roboterfrau, war nichts, was Hoffmann in seiner nahe dem Gendarmenmarkt gelegenen Wohnung in der Taubenstraße 31 nur ausbrütete oder gar um die Ecke bei Lutter & Wegner im Punsch- und Sektnebel zusammenfantasierte. Olimpia und der geschwätzige Türke hatten Vorbilder, real existierende Urautomaten, an denen sich die Fantasie des Dichters entzünden konnte. Die Entwicklungsgeschichte des treppensteigenden "Hügel"-Bewohners P 3 oder des automatisierten Hündchens Aibo beginnt also nicht erst in den Labors von Honda oder Sony, sondern schon Jahrhunderte früher, nur musste statt Mikrochips noch bloße Mechanik genügen. Europaweite Aufmerksamkeit war den Robotern auch so gewiss.

1738 etwa lockte der aus Grenoble stammende Mechaniker Jacques de Vaucanson das Pariser Publikum in Scharen zum Flötenkonzert, das ein von ihm entworfener Jüngling gab. Dieser, immerhin 1,65 Meter groß, vermochte auf der Querflöte zwölf Melodien zu spielen, bewegte dabei Lippen, Zunge, Finger, angetrieben von Uhrwerken, die wiederum Blasebälge in Bewegung setzten. Als Zugabe hatte der Mechanikus eine Ente entwickelt, die sogar fraß und das Gefressene wieder ausschied - das kann nicht mal Aibo.

Gut zwei Jahrzehnte später baute der Schweizer Theologe und Uhrmacher Pierre Jaquet-Droz einen schreibenden und zeichnenden Androiden, der unter anderem darauf programmiert war, das Bild Marie Antoinettes zu zeichnen. Ganz realistisch tauchte er dazu die Feder ein, verfolgte auch den Fortschritt seiner Arbeit mit beweglichen Augen. Henri-Louis Jaquet-Droz, der Sohn des fingerfertigen Theologen, stellte 1773 eine künstliche Frau vor, die anders als Olimpia zwar nicht singen, aber an einem echten Instrument sehr fein Orgel spielen konnte. Beide Kunstmenschen sind noch heute in Neuchâtel zu besichtigen.

1809 trat sogar Napoleon zum Schachspiel gegen einen künstlichen Türken an, der damals etwa den Bekanntheitsgrad von P 3 erreichte. Der sogenannte Schachtürke des Ritters Wolfgang von Kempelen war seit 1769 auf dem europäischen Unterhaltungsmarkt, schon damals wurde dabei gewaltig geflunkert: Nicht der vermeintliche Roboter dachte sich die Züge aus, sondern ein im Inneren versteckter Zwerg. Noch 1836 mühte sich ein wie E.T.A. Hoffmann mit allem Spukhaften vertrauter Dichter, Edgar Allen Poe, mit dem getürkten Roboter ab, verfasste dazu einen Essay, in dem er akribisch den Betrug nachwies. Ein weiterer musizierender Automat wurde 1808-10 von Johann Gottfried Kaufmann und seinem Sohn Friedrich gebaut. Man musste nur die Kurbel drehen, schon trompetete er los.

Gut, dass hier alles in der Familie blieb, kaum Streit über Urheberrechte auftreten konnte wie bei Olimpia, über deren Vaterschaft sich ihre beiden Erfinder, Nathanaels Professor Spalanzani und der piemontesische Wetterglashändler Guiseppe Coppola, zuletzt mächtig in die Wolle kriegen: ". . . ha ha ha ha! - so haben wir nicht gewettet - ich, ich hab die Augen gemacht - ich das Räderwerk - dummer Teufel mit deinem Räderwerk - verfluchter Hund von einfältigem Uhrmacher . . ." Die Puppe Olimpia wird diesen Streit nicht überleben, und Nathanael . . . ach, ach, ach.Mehr über Hoffmann, Olimpia und Co. in: Der Automatenmensch. E.T.A. Hoffmanns Erzählung vom "Sandmann". Auseinandergenommen und zusammengesetzt von Lienhard Wawrzyn. Wagenbach Verlag, Berlin 1976.

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