Berlin : Wie Schüler reagieren: Angst vorm Weltkrieg und viele Tränen

Susanne Vieth-Entus

Brennende Türme, blutende Menschen, Chaos - mit diesen Bilder in den Köpfen kamen gestern fast alle Kinder zur Schule. Und sie wollten diese Bilder loswerden, auf dem Schulhof, auf den Fluren, in den Klassenräumen. Das vorherrschende Gefühl: Angst.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige "Ich habe die Augen zugemacht, als die Menschen aus dem Fenster gesprungen sind", erzählt etwa die siebenjährige Sanah von der Schöneberger Spreewald-Grundschule. Die Eindrücke sprudeln aus ihr heraus, aber fassen kann sie das Geschehen nicht. Sie weiß nur, dass sie "Angst hatte um die Menschen in den Häusern". Und ihre Mitschülerin Elif hat "voll Angst bekommen, dass so etwas bei uns passiert", während die elfjährige Marje es vor allem "sehr schade findet, dass Unschuldige leiden mussten".

Wie geht man um mit derart verängstigten Kindern? Zuhören, reden lassen, kanalisieren, war gestern die Devise in vielen Berliner Schulen. Schnell war klar, dass man unmöglich zur Tagesordnung übergehen konnte. "Ein Kind meinte, der dritte Weltkrieg sei ausgebrochen", erzählt etwa Dagmar Haberstroh vom Kollegium der Spreewald-Schule. Die Schüler wollten dann von ihr wissen, ob sie Verwandte im Ersten oder Zweiten Weltkrieg verloren habe. Und in ihrer dritten Klasse gab es Schüler, die am liebsten den Fernseher ausmachen wollten, "weil sie Angst vor den Bildern hatten". Ein Mädchen hat geweint, als sie die Menschen mit Taschentüchern aus dem brennenden Turm winken sah.

Schulleiter Erhard Laube hatte gleich am frühen Morgen mit einigen Kollegen gesprochen. "Wir haben überlegt, was wir tun, wenn Schüler Zeichen von Freude zeigen", berichtet er. Angesichts von "35 bis 40" arabischen Kindern sei eben auch mit solchen Reaktionen zu rechnen gewesen. Bis zum Mittag war allerdings erst ein solcher Fall bekannt geworden: Da hatte ein Palästinenser aus der sechsten Klasse erzählt, dass seine Familie die Anschläge gefeiert habe. Ein anderes Kind, wohl mit ähnlichem familiärem Hintergrund, sagte, "uns greifen jetzt die Amis an".

Aber vorherrschend war und blieb die Trauer. Manche Schulleiter wandten sich vor Unterrichtsbeginn an ihre gesamte Schülerschaft. Eine solche Ansprache mit Schweigeminute gab es etwa an der Britzer Albert-Einstein- und Alfred-Nobel-Oberschule. Hier wurden im Unterricht auch Briefe an Familien in den USA geschrieben. Das Luise-Henriette-Gymnasium aus Tempelhof schickte einen Brief an die US-Botschaft, und ein großer Teil der Oberstufe legte spontan am Luftbrückendenkmal Blumen nieder. Die Klasse 9b der Grüne-Trift-Schule aus Köpenick schrieb an den Tagesspiegel: "Wir fanden den Anschlag grausam. (...) Wir trauern um die Menschen, die gestorben sind." Die Neuköllner Helmholtz-Oberschule äußerte in einem offenen Brief "tiefe Betroffenheit".

Auch heute wird es etliche Aktionen und Solidaritätsbekundungen geben. So will das Friedrich-List-Oberstufenzentrum um 10 Uhr vom Brandenburger Tor zur US-Botschaft gehen, um "Trauer und Betroffenheit" kundzutun. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rief dazu auf, ebenfalls um 10 Uhr "innezuhalten und den Opfern der Terrorangriffe in den USA zu gedenken".

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