Berlin : Wie weggepustet

Andreas Conrad

Das Kino in seinem Erfindungsreichtum ist unerschöpflich. Unzählige bekannte wie unbekannte Flugobjekte haben wir bestaunt, die in amerikanischen Katastrophenfilmen vom Sturmwind über die Leinwand gepustet wurden: Autos, Menschen, ganze Häuser, gelegentlich landeten sie samt Bewohnern in einem ganz anderen Land, wie Judy Garland im Zauberreich von Oz. Eines aber hatte noch niemand zuvor gesehen: schwarzbunte Rindviecher, die muhend durch die Landschaft segeln. Das gab es vor genau zehn Jahren in „Twister“, eine auf Berlin nicht übertragbare Szene: Schwarzbunte gibt es hier nur zur Grünen Woche. Daran mag man das Ausmaß des Handicaps erahnen, mit dem das Pro-7- Projekt „Tornado“ zu kämpfen hatte. Die Hauptstadt auf den Kopf gestellt? Respekt, aber was ist das schon gegenüber fliegenden Kühen? Dennoch, die Idee eines Tornados über Berlin hat etwas Faszinierendes. Manches Problem, mancher Streit, manches Ritual würden auf diese Weise wie der Wirbelwind entschwinden, allerdings vielleicht nur anderswo neue Probleme auslösen. Die vielen Wahlplakate, so dürfen wir unterstellen, sind garantiert nicht tornadoresistent, die wären wir los, aber denken wir auch an die Menschen, auf die sie herabregnen, in der mongolischen Steppe womöglich, in Timbuktu, auf Hawaii. Stirnrunzelnd ständen sie vor den Himmelszetteln, Eingeborene mit rudimentären deutschen Sprachkenntnissen würden rätseln, welches Feld sie denn nun zuerst „pflügern“ sollten, und über dem Abbild eines anderen, ergrauten Herren würden sie sinnieren: Wo? Wie?

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