Berlin : Willi Frohwein (Geb. 1923)

Sprechen hilft gegen die Albträume.

Candida Splett

Im Jahr 1965 las Willi Frohwein in der Zeitung, dass Horst Fischer verhaftet worden war. Horst Fischer, der ihn zweimal für den Transport in die Gaskammer ausgewählt hatte, weil er nicht mehr zum Arbeiten taugte. Seit 20 Jahren hatte er kein Wort über seine Zeit in Auschwitz gesprochen, jetzt meldete er sich als Zeuge und sprach. Sprach mehr, als unbedingt nötig gewesen wäre, weil ein Lehrer ihn gebeten hatte, seinen Schülern von dem Prozess zu erzählen. Sprechen, merkte er, hilft gegen die Albträume, selbst wenn es Erinnerungen heraufbeschwört, die zu neuen, anderen Albträumen werden. Immer mehr Menschen erzählte er von seinen Erlebnissen, vor allem Jugendlichen. Mit Berliner Schnauze und ganz ohne Hass, „weil dit nüscht bringt“. Was er erzählte, steht inzwischen in einem Buch.

1935 bekam ich einen Zettel in der Schule, den meine Mutter ausfüllen sollte. Was der Zettel zu bedeuten hatte, habe ich erst gemerkt, als ein paar Tage später meine ganzen Schulfreunde mich auf einmal nicht mehr beachtet haben, sondern mir auf dem Schulhof immer nachbrüllten: „Halb und halb is och eener!“ Ich wusste ja gar nicht, dass ich was mit Juden zu tun hatte. Sein Vater, der seiner frommen Frau zuliebe vom Judentum zum Katholizismus konvertiert war, galt für die Nazis weiterhin als Jude. Willi war folglich „Halbjude“.

Eine der Nachbarinnen denunzierte die Familie regelmäßig bei der Gestapo. Bekannte wechselten die Straßenseite. Zum Glück hat nach dem Krieg keiner mehr was davon gewusst.

Am Ende seiner Auftritte verteilte er oft weiße Rosen – als Appell, Widerstand zu leisten, wenn es nötig ist.

1942 wurde Willi zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ich sagte mir: Es kann nicht sein, dass du hier in der Rüstungsindustrie arbeitest und den Nazis hilfst, den Krieg zu gewinnen. Also produzierte er Ausschuss. Nach mehreren Verwarnungen musste er eine Anzeige wegen Sabotage fürchten und floh. Er wurde gefasst und eingesperrt, saß in verschiedenen Gefängnissen und dem „Arbeitserziehungslager Wuhlheide“, bis sie ihn im April 1943 nach Auschwitz brachten.

Ich hatte nun das Glück, vom ersten Tag in einem Strafkommando zu sein. Ich durfte Zement im Dauerlauf tragen. Das heißt, ich wog vierzig Kilo, und der auf mir ruhende Sack Zement wog fünfzig Kilo. Zwölf Stunden Arbeit am Tag, ein Stück Brot mit wenig Butter, eine dünne Scheibe Wurst und eine Wassersuppe. Als sich sein Freund, der Komponist Stiller, das Leben nahm, blieb Willi ohne Aufgabe zurück. Stiller brauchte ja niemanden mehr, der ihm Mut machte. Da verließ auch Willi der Mut.

Als er zu krank wurde, verlegte man ihn auf den „Schonblock“, in den Herrschaftsbereich des Lagerarztes Horst Fischer. Den so genannten Schonblock hat man schon daran gemerkt, dass sie uns weitgehend mit Essen „verschont“ haben. Nach vierzehn Tagen wählte Fischer ihn das erste Mal für die Gaskammer aus. Willi stand schon auf dem Lkw, als der Blockschreiber rief: „122785, runterkommen!“ Er blieb zurück. Als er erfuhr, wohin die Fahrt gegangen wäre, hoffte Willi, bei der nächsten „Selektion“ dabei zu sein: Dann hab ich’s endlich hinter mir.

Er wurde ein zweites Mal „selektiert“ – da kommt dieser idiotische Blockschreiber schon wieder an: „122785, geh rauf auf deine Pritsche!" Es gelang ihm einfach nicht zu sterben.

Viel später, zu Hause bei seiner Familie, nach zwei Todesmärschen und der Internierung in Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen, erfuhr Willi, was passiert war: Seine Mutter hatte einen verzweifelten Brief an den Lagerkommandanten geschrieben, dass sie doch schon genug Sorgen mit ihrem anderen Sohn habe, der im Feld sei, und dass sie nun unbedingt wissen müsse, was mit Willi sei. Jetzt haben die dort nicht mehr durchgesehen. Es konnte doch nicht sein, ich laufe mit Stern rum und der andere ist Soldat?

Nach dem Krieg wurde Willi Kriminalpolizist. Natürlich bewarb er sich in Spandau, wo er herkam, denn die Spandauer sind die besten Berliner. Doch lehnten die Spandauer ihn ab; er vermutete, dass die Beamten alte Nazis waren. In der Ostzone wurden ausdrücklich Mitarbeiter ohne Nazivergangenheit gesucht. So wurde er Hauptkommissar im Potsdamer Morddezernat. Zum ersehnten ganz normalen Leben gehörten bald auch seine Frau Waltraud und die Kinder Christine und Bernd. Über seine Erlebnisse in Auschwitz redete er nicht mit ihnen.

Als man ihm 1952 untersagte, nach West-Berlin zu fahren, wo seine Eltern und Geschwister wohnten, trennte er sich schweren Herzens von seinem Traumberuf. Herz- und magenkrank, wurde er mit 29 Rentner. Und durfte als solcher auch nach dem Mauerbau in den Westen.

Für einen Rentner war Willi allerdings sehr beschäftigt. Er arbeitete ehrenamtlich bei der „Volkssolidarität“, 1990 wurde er ihr Landesvorsitzender in Brandenburg. Außerdem war er Aufnahmeleiter bei der DDR-Filmfirma Defa.

Seit Beginn der neunziger Jahre wurden die Auftritte als Zeitzeuge seine wichtigste Aufgabe: Die Kinder erstaunen mich. Sie haben ein großes Interesse an der Vergangenheit! Ich glaube, sie werden ihren Enkeln noch von ihrer Begegnung mit mir erzählen.

Seit zwei Jahren trägt eine Schule in Lengede seinen Namen. Die Schüler, die ihn inzwischen gut kannten, hatten es sich gewünscht. An Willis Grab legten sie weiße Rosen nieder. Candida Splett

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