Berlin : Willkommen im Leben

Gerhard Schröder zieht es an den Pariser Platz. Ein Nachbar hat da noch ein paar Tipps für ihn

Lothar Heinke

Die letzten Stunden im Kanzleramt, dieses Einpacken und Teppichezusammenrollen, Schreibtischausräumen, Bilder-von-den-Wänden-Nehmen, furchtbar. Aber, lieber Gerhard Schröder, Sie wissen ja, jedem Abschied wohnt ein neuer Anfang inne, und den wollen Sie, wie man hört, in einer Wohnung an der Südseite der DZ Bank hinter dem Pariser Platz gestalten. Unruhige Gegend übrigens, ganz in meiner Nähe an der Behrenstraße: willkommen, Herr Nachbar, und Glückwunsch! Sie haben die Macht und die Einsamkeit in Ihrem voluminösen Kanzlerpalast dort drüben am Rande der Stadt gegen ein Anwesen mit menschlichen Dimensionen (80 qm) getauscht, das mitten im quirligen Leben steht und gleichzeitig etwas abgehoben erscheint.

Am Eingang neben der Tiefgarage nimmt ein Concierge die Post entgegen, auf dem Balkon haben Sie einen weiten Panorama-Blick zum Potsdamer Platz, rechterhand über dem Tiergarten blinkt der Funk-, links der Fernsehturm, hier war übrigens mal der Todesstreifen, und unten liegen die 2700 Betonquader jenes Mahnmals, das die Leute magisch anzieht, wie Sie es vorausgesagt haben – ein Ort, zu dem man gern hingeht. Natürlich wird man ständig ans Politische erinnert.

Gegenüber laden die Ländervertretungen zu ihren Festen, da hinten weckt der Bundesrat nicht nur gute Gefühle, und Freund Müntefering wohnt ganz nah, in der Platte drüben, zwei Minuten Fußweg, gleich daneben frische Schrippen und Zeitungen. Früher hätte man ja hier Fraktionssitzungen abhalten können oder Promi-Treffs mit Friedrich Merz, Rita Süssmuth, Kati Witt, Herta Däubler-Gmelin, Angela Merkel, Gregor Gysi, Günter Schabowski, Birgit Breuel, Renate Künast; vielleicht kommen Neue, andere, Jüngere. Jedenfalls läuft einem dauernd der Tatort-Kommissar Jaecki Schwarz über den Weg, oder Rolf Hochhuth saust mit dem Fahrrad um die Ecke, Vorsicht! Auf dem Weg zum Bundestagsbüro Unter den Linden 50 kann man allerlei Kollegen treffen, auch Herrn Kohl, vielleicht verabreden sich die Herren nun, wo sie mit ihren Parteien verheiratet sind, im Kanzler-Eck am nahen Karlplatz, wo die Leibspeisen der Ex auf der Karte stehen.

Wenn Ihnen der Magen knurrt, Herr Nachbar, dann lohnt der Weg in die Wilhelmstraße: zum freundlichen Italiener Viale dei Tigli, was Lindenallee bedeutet, oder gegenüber ins Steakhaus. Vegetarisches gibt’s ebenfalls, und dann wäre da noch das Alt-Berliner Wirtshaus, deftigste Kost, lecker. Wir haben noch einen Italiener („Porta“), den Vietnamesen („Heritage“) und eine Peking-Ente, am Mahnmal soll nun die Currywurstbude künstlerisch wertvoll gebaut werden, bei Metzkes gibt es Delikatessen, und wenn dem Kanzler nach Kunst ist, geht er einfach in die Akademie der Künste, wo ein Buchladen Massen von Seiten für Kanzlers Hobby – Malerei der zwanziger Jahre, moderne Grafik – auf Lager hat. Politliteratur haben sie in der feinen Bundestagsbuchhandlung, Hauptstadt-Literatur in der Berlin-Story Unter den Linden, neben dem Einstein, in dem unser neuer Nachbar gewaltige Schnitzel, ein vorzügliches Frühstück und viele alte Kämpen treffen wird, Joschka F. vorneweg, manchmal auch Andrea Nahles.

Die neue Wohnung hat eine internationale Dimension. Früher war nur die Botschaft der Schweiz der Nachbar vom Kanzleramt. Na gut, grüezi. Aber jetzt: Am Pariser Platz weht die Trikolore, Unter den Linden residieren die Russen und die Ungarn, um die Ecke, gut gesichert, sitzen die Jungs von Tony Blair. Und die Amis bauen direkt an Ihrem neuen Haus, mit großer Sicherheit.

Zur Not gibt es den Ort der Stille am Brandenburger Tor. Den edlen China-Club im Nebenhaus. Immerzu und überall viele Touristen, die „Hallo, Gerhard“ sagen werden. Dann wieder den Tiergarten zum Entspannen, auch für Little Holly. Das Adlon-Spa zum Relaxen, und vielleicht einmal der BVG-Bus 200 für die Berührung mit Volkes Seele, Stimme und Launenhaftigkeit. Sind das alles zusammen nicht ganz gute Aussichten? Kommen Sie, werden Sie Berliner. Und wenn’s im Hause wirklich mal Probleme gibt: Schräg gegenüber ist der Mieterverein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben