Willkürliche Anschläge : Die Täter wollen Angst erzeugen

Giftmischer auf dem Weihnachtsmarkt, Zündler im Treppenhaus, Steinewerfer an der Autobahn - wer tut so etwas? Die Täter haben meist ein schwaches Ego. Ihnen geht es darum, sich einmal mächtig zu fühlen.

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Am 12. Dezember wurde ein weiterer Fall von Giftopfern auf Berliner Weihnachtsmärkten bekannt: Am Alexanderplatz traf es eine 31-Jährige und einen 33-Jährigen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
09.12.2011 11:36Am 12. Dezember wurde ein weiterer Fall von Giftopfern auf Berliner Weihnachtsmärkten bekannt: Am Alexanderplatz traf es eine...

Dass sie unter uns sind, merken wir meistens erst, wenn es mal wieder zu spät ist. Wenn wir von ihren Taten in Zeitungen lesen oder im Radio hören. Von Taten, die einen erst stutzen und dann erschauern lassen, weil sie so absurd sind, dass man sich fragt: Wer tut so etwas?

Wer füllt Gift in Schnapsfläschchen und bietet diese dann Menschen mit der Bitte an, auf die eben geborene Tochter zu trinken? Ganz neu ist das nicht, sagt die Polizei, man kennt Ähnliches – allerdings aus Kneipen oder Bars. Dort ließen Kriminelle in unbeobachteten Augenblicken auch schon mal betäubende Mittel in Wein- oder Cocktailgläser fallen.

Das hatte aber zumindest einen, wenn auch makabren Sinn: man wollte die Opfer berauben oder sie sich sexuell gefügig machen. Aber was hat der Typ vom Weihnachtsmarkt, der nach dem Anstoßen stets verschwindet und nach dem immer noch gesucht wird, von seiner Giftmischerei? Oder ist er einfach nur verrückt?

Gefühlt nimmt die Zahl solcher scheinbar sinnlosen Anschläge zu. Man erinnere sich nur an die Unbekannten, die im Volkspark Mariendorf mit Dartpfeilen auf Schwäne warfen. Einem Tier blieb ein Pfeil im Kopf stecken, niemand konnte helfen. Oder an die nie gefassten jungen Männer, die die Kinder auf Spandauer Spielplätzen mit einem Gemisch aus Wodka und Limonade abfüllten. Ein Siebenjähriger kam mit mehr als zwei Promille im Blut ins Krankenhaus.

Natürlich trage auch die Berichterstattung über solche Taten zur Verunsicherung der Bevölkerung bei, sagt der Erziehungswissenschaftler und Psychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität: „Nahezu 3,5 Millionen Menschen in Berlin verhalten sich überwiegend normal, sind nicht kriminell und erleben auch keine dramatischen Ereignisse. Das ist aber natürlich nicht das, worüber die Medien berichten. So kann bei Menschen, die nicht gelernt haben, damit umzugehen, ein verzerrtes Bild der Realität entstehen.“

Zur Berliner Realität gehört aber auch, dass auf den Flughäfen Schönefeld und Tegel seit Jahren Piloten im Landeanflug von Unbekannten mit Laserlicht geblendet werden. Und erst am Freitag wurden wieder zehn Steine von einer Autobahnbrücke der A10 geworfen – obwohl schon viele Menschen deshalb Leben oder Gesundheit verloren. Ähnlich ist es mit dem Anzünden von Kinderwagen oder Papiereimern in Treppenhäusern, das schon einigen Berlinern das Leben kostete. In der Nacht zu Sonnabend hatten Anwohner der Grüntaler Straße in Gesundbrunnen glücklicherweise den Rauch im Müllraum noch bemerkt – ebenso wie eine Mieterin den Brand im Keller in der Reinickendorfer General-Barby-Straße. In beiden Fällen vermutet die Polizei Brandstiftung. Solche Taten sind für „normale Menschen“ so unüberlegt und absurd, dass sie die Täter als unberechenbar erscheinen lassen – das lässt die Gefühle von Bedrohung und Angst wachsen.

Und genau das verbindet die „irren Täter“, sagt die Direktorin der Psychiatrie im Benjamin-Franklin-Klinikum, Isabella Heuser: „Es sind in aller Regel Menschen mit einem sehr geringen Selbstwertgefühl, die wenig zu sagen haben. Sie wollen Macht und Kontrolle über andere ausüben, indem sie Angst erzeugen. Das gibt ihnen den Kick, macht sie vermeintlich stark und wichtig.“

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