Berlin : Winterspukort Berlin

Der erste Schnee brachte der Stadt ein metereologisches Großereignis: den kältesten 13. Oktober seit 170 Jahren

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Von Christian van Lessen

Kinder riefen „Oh, ist das schön“, Frauen sahen eine gute Chance, endlich ihre neue Wintergarderobe auf die Straße zu bringen und Männer dachten meist gleich ans Auto, an Winterreifen und ans Freischaufeln. Andere freuten sich, beim „Kuschelwetter“ guten Gewissens im Bett zu bleiben. Was brachte die meisten Berliner gestern früh in aufgekratzte Stimmung? Ein kurzes Wintermärchen mitten im Herbst. Der überraschend dicke Flockenfall, der am Morgen einsetzte und sich tagsüber, zumindest in der Innenstadt, mehr oder weniger verdünnisierte, vermittelte einen Vorgeschmack auf die wirklich kalte Jahreszeit. Der erste Schnee war auch ein meteorologisches Großereignis. Mit so vielen Flocken hatte selbst Thomas Globig vom Wetterdienst Meteomedia nicht gerechnet. Als er auf den Kalender sah und merkte, dass die Temperaturen am Tag wohl nicht über drei, vier Grad klettern würden, wusste er, dass am Sonntag der kälteste 13. Oktober seit Menschengedenken in Berlin war. Immerhin begannen die regelmäßigen Messungen 1831, und der kälteste 13.Oktober lag bislang auch schon weit zurück. 4,6 Grad wurden damals gemessen, anno 1850.

Nein, so viel Schnee und das zu dieser Zeit brachte die Stadt durcheinander. Im Vorjahr noch dauerte es bis in die Nacht zum 23. November, bis die ersten Flocken fielen. Und nun, wo noch vor wenigen Tagen völlig nackte Schwimmer in Grunewaldseen gesichtet wurden, fiel Knall auf Fall, fast schon mit Eiseskälte, der Winter ein. Vor allem in den Vororten hatte sich schnell eine drei bis vier Zentimeter hohe Schneedecke gebildet, die sich auch recht lange halten konnte. Auf den Dächern geparkter Autos bildeten sich dicke Hauben, von denen sich Kinder das Material für erste Schneeballschlachten zusammenkratzten. Zum richtigen Rodeln in Parks reichte es noch nicht.

„Fröhliche Weihnachten!“ riefen sich die U-Bahner auf der Station Krumme Lanke zu. Der einfahrende Zug, der ab Dahlem fünf freiliegende Bahnhöfe passiert hatte, war weißbestäubt, Böschungen und Bäume gaukelten eine Winterlandschaft vor, wie sie sich bayerische Skiorte gestern vermutlich gewünscht hätten.

Pjotr aus Petersburg, der sich mittags an einer geschützten Hauswand am Potsdamer Platz mit seinem elektrischen Piano zum Chopin-Konzert aufgestellt hatte, wurde von Touristen gebeten, ein Weihnachtslied zu spielen. Stille Nacht, Heilige Nacht, klang es dann über die alte Potsdamer Straße, als wäre gerade Weihnachtsmarkt. Nur das noch grüne Laub der Bäume wollte dazu nicht passen. Dunkler als sonst war es im großen Hof des Sony-Center, und das lag am gläsernen Dach, das wegen der Schneemassen undurchsichtig geworden war. Durch die runde Öffnung aber stoben die Flocken, die Flaneure unten schlugen die Kragen hoch, spannten Schirme auf und verstanden nicht, wie ein Restaurant für den späten Nachmittag zum „Sunset-Cocktail“ einladen konnte.

Viele Eisverkäufer in der Stadt, die noch auf ein gutes Geschäft wenigstens bis Ende des Monats gehofft hatten, bekamen die Härte höherer Gewalt voll zu spüren. Noch vor wenigen Tagen hatten sie vom goldenen Oktober profitiert, gestern aber war vielen Kunden eher nach Heißem. Mit jeder weiteren Stunde büßte die anfangs gute Stimmung angesichts des nasskalten Matsches an den Füßen ein. „Schmuddelwetter“ schimpften die Leute im Tiergarten oder auf der Friedrichstraße, Touristen blickten etwas mürrisch hinter den beschlagenen Scheiben der Stadtrundfahrtbusse auf die Stadt. Die Autofahrer und die BSR aber freuten sich, dass der Schnee so schnell schmolz und die Straßen nur regennass blieben, was aber am Montagmorgen stellenweise zu Glätte führen kann. Die BVG freute sich, dass offensichtlich mehr Leute als sonst mit Bussen und Bahnen unterwegs waren, die Museen und Kinos registrierten mehr Besuch als sonst. Und bei „Loretta“ am Wannsee freute man sich, dass die Biergartensaison schon am letzten Wochenende ganz offiziell mit der letzten Maß besiegelt worden war.

„Kälter kann es jetzt nicht werden“, versprach gestern Thomas Globig. Das Tief „Gabi“ lässt’s langsam wieder wärmer werden. Leicht durchwachsen, nicht unfreundlich sollen die nächsten Tage sein, bei geradezu milden 10 bis 14 Grad.

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