Berlin : „Wir brauchen mehr muttersprachliche Therapeuten“

Elisabeth Noeske vom Psychologenverband hält das psychosoziale Angebot für unzureichend.

Frau Noeske, wie beurteilen Sie die psychosoziale Versorgung von Migranten in Deutschland?

Ich habe fast 30 Jahre mit psychisch kranken Menschen gearbeitet, dabei stieß ich immer wieder auf Patienten mit Zuwanderungshintergrund. Deren Situation ist sehr problematisch, insbesondere das psychosoziale Angebot für sie ist absolut unzureichend.

Woran liegt das?

Eine psychotherapeutische Sitzung ist keine Zahnarztbehandlung. Hier ist Kommunikation die Hauptsache, denn es geht vor allem um emotionale Inhalte. Selbst bei Patienten mit hervorragenden Deutschkenntnissen habe ich die Erfahrung gemacht, dass ihnen bei bestimmten Themen einfach die Worte fehlen. Gerade tief sitzende Ängste und Traumatisierungen vermögen sie oft nur in ihrer Muttersprache auszudrücken. Deshalb brauchen wir dringend mehr muttersprachliche Therapeuten.

Ist es denn mit Sprachkenntnissen allein getan?

Nein, es geht auch um kulturelle Besonderheiten. Deutsche Therapeuten stoßen, egal wie informiert und bemüht sie sind, manchmal einfach an ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn ihnen eine Türkin gegenübersitzt, die hoch gebildet ist, vielleicht gerade studiert, es aber trotzdem nicht wagt, sich von zu Hause zu lösen. Rational kann der Therapeut verstehen, warum sie sich damit schwertut. Aber emotional kann er es oft nicht nachvollziehen, aber gerade dieser emotionale Anteil ist unverzichtbar für das Gelingen einer Therapie.

Wie kommt es, dass bei Zuwanderern verstärkt psychische Probleme auftreten?

Sie sind meist schwierigen Lebensbedingungen ausgesetzt. Ständig werden Anforderungen an sie gestellt, aber sie bekommen nicht genug Hilfestellung, um sie zu bewältigen. Beispielsweise Türken, die schon lange hier leben, vielleicht sogar hier aufgewachsen sind, stehen mitunter Todesängste aus, wenn sie versuchen, ein wenig Abstand von ihrem familiären Umfeld zu bekommen. Immer wieder hört man den Vorwurf, sie seien Integrationsverweigerer und die Forderung, sie sollten sich integrieren. Aber oft sind sie gefühlsmäßig so blockiert, dass ihnen das gar nicht gelingen kann. Erschwerend kommt hinzu: Die Kinder der zweiten und dritten Generation haben teilweise erlebt, wie ihre Eltern ausgegrenzt wurden. Bei ihnen hat sich eine stellvertretende Kränkung über dieses Unrecht entwickelt und deshalb sagen sie: Mit den Deutschen wollen wir nichts zu tun haben.

Die Petition, die Sie, unterstützt vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen und anderen Verbänden, beim Bundestag eingereicht haben, wurde vor kurzem abgelehnt.

Wir empfinden das als Ohrfeige für psychisch kranke Migranten. Wir hatten darum gebeten, das Sozialgesetzbuch so zu verändern, dass muttersprachliche Psychotherapien in Zukunft als Sozialleistung, möglichst als Regelleistung im Krankenversicherungssystem verfügbar sind. Ich habe mich direkt an Sozial- und Gesundheitsausschussvertreter gewandt, aber überwiegend Nichtreaktionen erhalten. Ich bin wirklich empört.

Der Petitionsausschuss führte als Begründung für die Ablehnung unter anderem das Wirtschaftlichkeitsgebot ins Feld, mit anderen Worten: Er wies auf die hohen Kosten hin.

Und das ist absolut kurzsichtig gedacht. Wie viel mehr kostet es, wenn Menschen sich langfristig nicht integrieren können, von Sozialleistungen abhängig sind, somatisch falsch behandelt und so chronisch krank werden?