Berlin : Wir sind liquide

Heute ist der Welttag des Wassers. Der Stoff ist das wichtigste Lebensmittel und wird weltweit immer knapper – nur hier nicht, dank Spree und Havel

Gerd Conradt

Morgens der gewohnte Griff zum Wasserhahn, und wie selbstverständlich strömt es aus der Wand, kühlt, erfrischt, belebt das verschlafene Gesicht. Auch als Lebensmittel ist Wasser die Nummer eins. Jeder der 3,4 Millionen Berliner verbraucht täglich 120 Liter davon, weit weniger als etwa der Durchschnittsamerikaner. Der braucht 380 Liter. Dass diese tägliche Süßwasserlieferung nicht für alle Menschen auf der Welt gleichermaßen erfolgt, daran erinnert der heutige Welttag des Wassers. Fast zwei Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 6000 Menschen sterben täglich durch verunreinigtes Wasser an Ruhr oder Cholera.

Die Vereinten Nationen unternehmen gewaltige Anstrengungen, um das zu ändern. Die Zahl der an Trinkwassermangel Leidenden soll bis zum Jahr 2015 halbiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Tag für Tag 300 000 Haushalte an Frischwasserleitungen angeschlossen werden. Zu befürchten ist allerdings, dass bereits in naher Zukunft die Frischwasservorräte nicht mehr ausreichen, um den Durst der wachsenden Weltbevölkerung zu stillen. Nach dem Kampf ums Öl befürchten Experten Wasserkriege als Zukunftsszenarien.

Der Handel mit Wasser verspricht große Gewinne. Auf 80 Milliarden Euro im Jahr wird der Umsatz allein in Europa geschätzt. Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen warnen vor der zunehmenden Privatisierung der Wasservorräte und fordern ein Grundrecht auf Wasserversorgung für alle Menschen.

Berlin hat dieses Problem nicht – es ist reich an Wasser. Spree und Havel füllen das Grundwasser täglich neu auf. Sie sorgen dafür, dass die kostbare Flüssigkeit, von den Wasserwerken aufbereitet, Tag und Nacht über das 7800 Kilometer umfassende Rohrnetz den Berlinern zur Verfügung steht.

Wasser ist das häufigste Molekül auf diesem Planeten, zwei Teile Wasserstoff, ein Teil Sauerstoff. Doch schon der Dichter D.H. Lawrence stellte 1929 fest: „Da ist noch ein Drittes, das erst macht es zu Wasser, und niemand weiß, was das ist.“ Erst im November vergangenen Jahres ging es in der Urania bei einer Ausstellung „Welt im Tropfen“ um die Frage: Kann Wasser denken? Der anerkannte Stuttgarter Professor Bernd Kröplin vertrat dort die Auffassung, Wasser könne Informationen speichern, auf Gefühle reagieren und mit anderen Flüssigkeiten kommunizieren. Er belegte seine Meinung anhand von vergrößerten Wasserkristallen aus verschiedenen Flüssen, darunter war die Spree.

Angesichts dieser These fragt sich der Berliner: Wer ist die Spree? Ein Wesen mit Charakter? Fühlt und denkt sie? Wenn dem so ist, nimmt sie die Tränen der abgewickelten Berliner Symphoniker wahr? Was wissen wir Berliner von ihr – der Wasserstraße, dem Hauptstadtfluss, Markenzeichen und Lebensquell von Spree-Athen? Lady Spree, eine 15 000 Jahre alte Dame. An ihren Ufern steht die Wiege von Berlin.

Umwelteinflüsse bedrohen auch die Wasserregion Berlin. Der trockene Sommer im letzten Jahr brachte die Spree zum Stillstand. Flüsse, die nicht fließen, sterben. Die stillgelegten Braunkohlegruben in der Lausitz fordern von der Spree zurück, was lange Zeit im Übermaß in sie hineingepumpt wurde.

Das Lösungsmittel Wasser transportiert auch schädliche Stoffe. Selbst im geklärten Wasser befindet sich ein Cocktail von Arzneimittelspuren, zum Beispiel Hormone aus Antibabypillen, die schon in einer Konzentration von 0,5 Mikrogramm pro Liter Hormonstörungen bei Fischen hervorrufen.

Flüsse sind Sinnbilder für Zeit, Metaphern für Leben und Tod. Im stetigen Kreislauf münden die Tropfen der Spree in die Havel, die Elbe, die Nordsee – schwimmen bis zum Golf von Biscaya und kommen von dort als Wasserwolken zurück.

Heute, am Welttag des Wassers, sollte der Griff zum Wasserhahn verbunden sein mit dankbaren Gedanken an Spree, Havel und die Wasserwerker, die uns den täglichen Überfluss bereitstellen.

Der Autor arbeitet an einem Film und einem Buch über die Spree.

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