Berlin : Wirte und Dienstleister langen beim Euro zu

Ingo Bach / Christian Domnitz

Drei Wochen Euro und zunehmend klagen die Verbraucher, das Geld rinne ihnen wie Sand durch die Finger. Die Verbraucherzentrale bestätigt: "Die neue Währung wurde für Preisherhöhungen genutzt." Während der Einzelhandel viele Preise schon im letzten Jahr anhob, um nun abrunden zu können, erweist sich der Euro mit Verzögerung als Preistreiber im Dienstleistungsgewerbe und in der Gastronomie. Erhöhungen von bis zu 48 Prozent stellten die Verbraucherschützer fest. Neben den Preiserhöhungen spielen auch psychologische Gründe eine Rolle. Der im Vergleich zur D-Mark scheinbar niedrigere Euro-Preis senkt die Kaufschwelle.

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Viele Dienstleistungen in Berlin sind in Euro und Cent teurer als in Mark und Pfennig. So wurde der beliebte "Kulturtarif" in den Parkdecks unterhalb des Potsdamer Platzes (ab 19 Uhr für drei Stunden) von fünf Mark auf drei Euro umgerechnet, also 5,87 Mark. "Damit sind wir immer noch günstiger als die meisten innerstädtischen Parkhäuser", heißt es vom Management. Und die Firma Wall ist groß im Geschäft mit dem Geschäft: Statt 50 Pfennig kostet der Gang in die öffentliche Toilette jetzt 50 Cent (98 Pfennig). "Seit über zehn Jahren ist das die erste Erhöhung, trotz steigender Unterhaltskosten", sagt ein Wall-Sprecher.

Auch im Gaststättengewerbe sind offensichtlich viele Preise mit der Euro-Einführung gestiegen. Weil neue Speisekarten mit Euro-Preisauszeichnung gedruckt werden mussten, hätten viele Gastronomen die Preise wegen der gestiegenen Einkaufskosten gleich mit erhöht, sagt Marc Schnerr, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Doch allzu hoch könnten die Preissteigerungen nicht ausgefallen sein, meint Schnerr: Denn der Preis für 0,3 Liter Bier in den Restaurants sei mit der Euro-Einführung durchschnittlich um zwei Prozent gefallen. "Und das Bier ist schließlich unser Kerngeschäft!"

Das Euro-Preis-Bild ist allerdings nicht einheitlich. Selbst die Verbraucherinititiative stellt fest, dass es in Berlin neben Preiserhöhungen auch viele Preissenkungen gab. Und nicht immer war der Euro schuld. Für die hohen Preise bei manchem frischen Obst- und Gemüsesorten seien die letzten Missernten im südlichen Europa verantwortlich. "Das reicht nicht aus, um vom Preistreiber Euro zu sprechen", sagt Ralf Schmidt, Sprecher der Initiative.

Zum Teil sind die Verbraucher selbst schuld. Beim Trinkgeld zum Beispiel. Manche Gastronomen freuen sich, dass die Leute wie bei den DM-Preisen auch in Euro aufrundeten und damit mehr Trinkgeld geben. Andere beklagen hingegen größere Vorsicht bei ihren Kunden.

So oder so spielt Psychologie beim Einkauf eine Rolle. Im Handel weiß man die kaufanregende Wirkung - scheinbar - niedriger Preise zu schätzen. Deshalb wurden die Schwellenpreise erfunden - 3,99 DM suggerieren, es koste nur drei Mark. Und das gelte erst recht für den Euro, sagt Alfred Kuß, Professor für Marketingwissenschaft an der Freien Universität. "Gerade bei den so genannten Spontan-Käufen, also den Kaufentscheidungen, die man erst beim Händler trifft, greifen sicher vielen Kunden wegen der scheinbar niedrigeren Euro-Preise zu", sagt Kuß. "Bei dieser Kaufkategorie findet in den Köpfen der Käufer nur eine geringe kognitive Verarbeitung des Kaufreizes statt." Also zugreifen. Und das werde sicher so bleiben, so lange die Kunden immer noch in Mark denken.

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