Wirtschaftskrisen : Wirtschaftshistoriker tagten in Mitte

Die Elite der deutschen Wirtschaftshistoriker traf sich am Wochenende im Eugen-Gutmann-Haus der Dresdner Bank und diskutierte über den Talsperrenbau im Harz, die Weltwirtschaftskrise 1929 - und natürlich die aktuelle Finanzkrise.

Werner Kurzlechner

BerlinDie Weltfinanzkrise ließ sich nicht aussperren aus den Berliner Dependencen der Deutschen und der Dresdner Bank. Hierhin hatten die beiden Bankhäuser zum Ende der Woche die Elite der deutschen Wirtschaftshistoriker eingeladen, an einem Symposium zu Ehren des im vergangenen Jahr gestorbenen Gerald A. Feldman, Professor in Berkeley und Mitarbeiter am Standardwerk zur Geschichte der Deutschen Bank, teilzunehmen. Zum feierlichen Rahmen spielte der Philharmoniker-Nachwuchs im Atrium der Deutschen Bank Wagners Siegfried-Idyll, das Feldman so liebte. Im Eugen-Gutmann-Haus der Dresdner Bank diskutierten die Experten unaufgeregt über Themen wie den Talsperrenbau im Harz 1938 bis 1945. Doch die aktuelle Krise, obwohl sie nicht auf dem offiziellen Tagungsprogramm stand, war nicht nur Gesprächsthema, sondern zeigte auch ganz konkrete Auswirkungen. So war Clemens Börsig, der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, nicht wie angekündigt zur Begrüßung der Gäste erschienen – die aktuelle Lage lasse derlei in diesen Tagen nicht zu, hieß es zur Begründung.

Banken, Unternehmen und Öffentlichkeit scheinen genug mit der Bewältigung der globalen Finanzkrise zu tun zu haben, als dass Zeit für Fragen an die Zunft der Wirtschaftshistoriker bleibt. Carl-Ludwig Holtfrerich, emeritierter Professor an der Freien Universität, hält indes auch wenig von den reflexartig bemühten Vergleichen der derzeitigen Lage mit der Weltwirtschaftskrise um 1929. Der Verlauf unterscheide sich schon sehr: „Damals war zuerst die eigentliche Wirtschaftskrise da, die Bankenkrise folgte erst 1931.“ Die fatalen Auswirkungen der in den USA verschleuderten Immobilienkredite seien seit Jahren voraussehbar gewesen, so Holtfrerich. Eine echte Depression wie damals müsse man jetzt aber nicht befürchten. Politik und Zentralbanken hätten richtig reagiert, indem sie – anders als zum Ende der Weimarer Republik – frisches Geld in die Wirtschaft pumpten und ehrgeizige Haushaltsziele opferten.

Die derzeitige Lage sei voraussehbar gewesen, sagt der Kölner Professor Toni Pierenkemper. Er hat einen Buchtipp parat. „Manien, Paniken, Crashs“ seines Fachkollegen Charles P. Kindleberger. „Da steht das ganze Drehbuch der jetzigen Krise drin“, sagte Pierenkemper. Die von einer wilden Spekulation mit Tulpenzwiebeln in den Niederlanden im 18. Jahrhundert ausgelöste Rezession zeige viele Parallelen zur jetzigen Lage.

So sie denn wollten, könnten sich Wirtschaftsakteure durchaus durch den Blick in die Geschichte vor Fehlern schützen. „Aber ein 25-jähriger Investmentbanker hört doch keinem Rauschebart wie mir zu, wenn der nicht mal einen Porsche fährt“, so Pierenkemper. Gegen die Gier kämen skeptische Mahner eben nicht an.

Wenig zuversichtlich stimmte auch der Vortrag von Harold James, Professor in Princeton, über die Bankenkrise von 1931. Seinerzeit stand mit der Darmstädter und Nationalbank das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut vor dem Kollaps. Auch damals schnürte der Staat ein Rettungspaket. Die Intervention sei aber ein Misserfolg gewesen, konstatierte James. Ob es Alternativen gegeben habe, wollten Zuhörer wissen. Im Grunde nicht, antwortete der Gast aus den USA. Manchmal sei es schlicht zu spät, um noch etwas retten zu können. Vielleicht ganz gut für die Motivation der Banker, dass sie sich die Befunde der Historiker diesmal nicht angehört haben. Werner Kurzlechner

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