Berlin : Wladimir Gall (Geb. 1919)

So standen nun der Major und der Hauptmann mit weißer Fahne vor dem Tor

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Das Tor war verrammelt, die Zufahrt versperrte ein verlassener Tiger-Panzer. Stille lag über den Mauern der Spandauer Zitadelle. Der einzige Hinweis auf Leben im Inneren waren die Mündungen der Maschinengewehre, die aus Fenstern und Schießscharten ragten. Sie waren auf die beiden russischen Parlamentäre gerichtet, Major Wassili Grischin und ihn, Wladimir Gall, 26 Jahre alt, Hauptmann der Roten Armee, Dolmetscher.

Vor dem Krieg hatte er in Moskau Geschichte, Philosophie und Literatur studiert, Lew Kopelew war einer seiner Professoren gewesen, hatte ihn die Liebe zur deutschen Kultur, zu ihren Klassikern gelehrt. Der junge Offizier kannte auch die Geschichte der 400 Jahre alten Festung. An diesem 1. Mai 1945 wurde er selbst ein Teil davon – mit ungewissem Ausgang. Schon oft waren russische Parlamentäre von den Deutschen erschossen worden.

Hitler hatte sich am Tag zuvor das Leben genommen, der Reichstag war besetzt, Spandau eingenommen. Die Zitadelle war Zuflucht für hunderte Alte, Frauen und Kinder, gehalten von einer zusammengewürfelten Truppe aus Volkssturm, Wehrmacht und uniformierten Wissenschaftlern des „Heeres-GasschutzLaboratiums“. Die Rote Armee hatte sie zunächst umgangen. Ein Blutbad sollte vermieden werden, Versuche, die Besatzung durch Lautsprecherdurchsagen und deutsche Parlamentäre zur Übergabe zu bewegen, waren aber gescheitert. Und so standen nun der Major und der Hauptmann mit weißer Fahne vor dem Tor. Gall rief in die Stille hinein: „Hallo!“

Gall hat die Geschichte später oft erzählt. Er hat sie auch aufgeschrieben, 1988 für den Militärverlag der DDR und 2000 in überarbeiteter, von den Zwängen der Zensur befreiten Fassung: „Moskau – Spandau – Halle. Etappen eines Lebensweges“. In seinen Erinnerungen betritt nach kurzem Wortwechsel tatsächlich der Kommandant den Balkon über dem Tor. Major Grischin besteht auf Verhandlungen auf Augenhöhe, der Kommandant klettert samt Adjutant an einer Strickleiter hinab. „Professor Oberst Jung“, so stellt er sich vor, ist kein Berufssoldat. Der Chemiker im Heereslaboratorium ist durch die Kriegsumstände auf diesen Posten gelangt. Er selbst sei zur Übergabe bereit, versichert er, doch sei laut Führer-Befehl jeder Offizier gehalten, einen kapitulationsbereiten Vorgesetzten zu erschießen. Er müsse daher nochmals seine Offiziere befragen. Der Adjutant klettert wieder hoch, Beginn eines minutenlangen beklommenen Wartens. Schließlich die Antwort: Eine Kapitulation kommt nicht infrage.

Der Auftrag der Parlamentäre ist damit erfüllt, ihr Rettungsversuch gescheitert, sie könnten gehen. Aber sie bleiben. Sie wollen selbst mit den Offizieren reden – ein Entschluss, den der Oberst mit fassungslosem Schulterzucken akzeptiert. Oben, in einem Raum, der „Fürstenzimmer“ genannt wird, werden sie von einer schweigenden Runde erwartet.

Grischin schildert die Frontlage, eine heftige Diskussion beginnt unter den Deutschen. Der Oberst schlägt einen Kompromiss vor, eine Art Nichtangriffspakt, scheinbar plausibel, aber für die Russen zu riskant, nicht akzeptabel. Sie beraten sich kurz, und nun muss Gall ein letztes Wort sprechen, „und das in einer Sprache, die mir zwar lieb und teuer, aber immerhin nicht meine Muttersprache ist“. Eine letzte Chance gewähre man, drei Stunden Bedenkzeit, danach werde die Festung gestürmt.

„Die Atmosphäre war schon zu Beginn der Verhandlungen spannungsgeladen. Nun steigt die Spannung merklich an. Im Raum tritt eisiges Schweigen ein.“ So erinnerte sich Gall, er schreibt von „hasserfüllten Blicken“, die ihnen auf dem Rückweg gefolgt seien, von der Angst, man könnte sie doch noch hinterrücks erschießen oder einfach die Strickleiter lösen.

Es folgen drei Stunden der Ungewissheit – bis in letzter Minute die Zitadelle kapituliert. Die Zivilisten gehen nach Hause, die Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Zur Überraschung der Parlamentäre verabschiedet sich Oberst Jung in perfektem Russisch. Er hat viele Jahre in Leningrad gelebt.

Einen der Männer, die in der Zitadelle festgesessen hatten, traf Gall 23 Jahre später in einem Café Unter den Linden wieder. Das DDR-Fernsehen hatte ihn zu der Spandau-Episode befragt, und als die Kamera schon weggepackt war, sprang am Nachbartisch ein Mann auf, umarmte ihn und rief: „Sie sind mein Retter!“

Anlass des Interviews war die Premiere des Defa-Films „Ich war neunzehn“. Darin verarbeitet der Regisseur Konrad Wolf seine Erinnerungen an die letzten Kriegstage. „Konnis persönlichster Film“, sagt Wolfgang Kohlhaase, der das Drehbuch geschrieben hat. Konrad Wolf war Sohn des 1933 nach Moskau emigrierten Dramatikers Friedrich Wolf. 1945, mit 19 Jahren, kehrte er als Mitglied einer Propaganda-Einheit der Roten Armee in das Land seiner Geburt zurück. Im Film heißt dieser Heimkehrer Gregor Hecker, gespielt von Jaecki Schwarz. In die Geschichte flossen die Erlebnisse anderer Soldaten ein, so auch die von Wladimir Gall. In „Ich war neunzehn“ ist Gregor Hecker der Dolmetscher.

Noch in eine weitere Filmfigur sei Gall eingegangen, erzählt Kohlhaase: ein Offizier, der Hecker nach einem Besuch des KZ Sachsenhausen die Verzweiflung über die deutschen Verbrechen zu nehmen versucht, an die kulturellen Leistungen der Deutschen erinnert und Heine zitiert. Gall und Wolf hatten als Soldaten einer Einheit das KZ Majdanek gesehen – und hinterher richtete der Russe den Deutschen wieder auf. „Gall war ja Germanist, er gehörte zu den Russen, die Deutschland und die deutsche Sprache geliebt haben.“ Der Drehbuchautor hat es selbst erlebt, als ihn Konrad Wolf mit seinem alten Freund bekannt machte. Ein etwas altmodisches Germanistendeutsch, perfekt, mit leichtem Akzent, habe Gall gesprochen und hin und wieder nicht mehr ganz frische Redensarten einfließen lassen: „Wie man so sagt: Lügen haben kurze Beine.“

Als leisen und freundlichen Menschen hat Kohlhaase ihn erlebt, „sehr sympathisch, wie ein Deutschlehrer“, was gar nicht zu den alten Fotos passt – Gall als stattlicher, gut aussehender Offizier. An den Dreharbeiten war er nach der Erinnerung des Autors nicht direkt beteiligt, habe den Film aber als „unerwartete Freude und Würdigung seines Lebens“ empfunden, als „Wiederkehr dessen, was er im Krieg erlebt hatte“. Dabei stammten nur einige Außenaufnahmen von der echten Spandauer Zitadelle. Wolf hat sie heimlich dort gedreht. Die Innenszenen entstanden in der Festung Königstein, die am Tor in Babelsberg. Wolfs Film hat wohl sogar Galls Erinnerungen beeinflusst. Jedenfalls kamen Formulierungen in einem Text, den dieser nach der Premiere für eine DDR-Zeitschrift geschrieben hatte, dem Drehbuchautor recht bekannt vor. Ganz ähnlich standen sie im Skript.

Die Erlebnisse in der Zitadelle haben Gall nie losgelassen. Jedes Mal sei er tief bewegt und gerührt, wenn er die vertraute Silhouette wiedersehe, erzählte er im Juli 1989 bei einem Vortrag in der Volkshochschule Spandau, einem der vielen, die er später vor Schülern, Auszubildenden, Feuerwehrleuten oder Polizisten hielt. „Liebe Freunde“, so sprach er die Zuhörer an, und seine Herzlichkeit half der Verständigung mindestens so sehr wie der Inhalt seiner Erzählungen.

Im Sommer 1985 war er erstmals nach dem Krieg wieder in West-Berlin gewesen, auf einer Friedenskundgebung auf dem Breitscheidplatz. Dort lernte er Gerhard Niemczyk kennen, 1945 Volkssturmmann auf der Zitadelle. Eine Freundschaft entstand, und immer, wenn nun Gall nach Berlin kam, wohnte er bei dem Mann, der ihm sein Leben verdankte.

Als „Retter der Zitadelle“ wurde er nun regelmäßig eingeladen. Und er genoss die Besuche; als Deutschdozent und später als Rentner hätte er sich die Reisen kaum leisten können. 2005 wurde er gebeten, sich ins Goldene Buch des Bezirks einzutragen, zehn Jahre zuvor war er bereits mit einer Ausstellung im Kommandantenhaus der Festung geehrt worden. Damals hatte es auch Widerspruch gegeben: Ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, am 1. Mai 1945 als Leutnant auf der Zitadelle, hatte teilweise andere, sich aber mehr ergänzende als widersprechende Erinnerungen. Man traf sich dann, tauschte sich aus, und die Töne wurden versöhnlicher.

Vor einem Jahr war Wladimir Gall noch einmal in Berlin, in diesem Mai wollte er wiederkommen. Zuerst besuchte er Halle, wo er nach dem Krieg Kulturoffizier gewesen war. Für die Weiterreise nach Berlin war er aber schon zu krank. In Moskau ist er jetzt seinem Krebsleiden erlegen. Andreas Conrad

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