Berlin : Wo bitte geht’s zum Führerbunker?

Heute vor 59 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Touristen suchen vergeblich nach dem Ort, wo Hitler die letzten Tage verbrachte

Lothar Heinke

Die Waffen schwiegen. Die Welt atmete auf. In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 unterzeichneten in einem ehemaligen Offizierskasino in Berlin-Karlshorst Generalfeldmarschall Keitel, Admiral von Friedeburg und Generaloberst Stumpf die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Damit war der Zweite Weltkrieg beendet – heute vor 59 Jahren. Wo treffen wir Zeugnisse der Ereignisse von damals, an die übrigens die DDR bis 1967 mit einem (Feier-)„Tag der Befreiung“ am 8. Mai erinnerte?

Der Saal, in dem die Kapitulationsurkunde unterzeichnet wurde, ist heute als Teil des Deutsch-Russischen Museums in der Zwieseler Straße 4 in Karlshorst eine gefragte Adresse nicht nur für Historiker. (Zurzeit wird dort der erste Nachkriegs-Stadtkommandant und Berliner Ehrenbürger Nikolai Bersarin in einer Ausstellung gewürdigt.) Viele Soldaten, die am mehrtägigen Sturm auf den Reichstag beteiligt waren, verewigten sich mit ihrem Namen, dem ihres Heimatorts oder einer Botschaft („Chitler kaput!“) an den Mauern des umkämpften Gebäudes. Marschall Schukow erinnert sich: „Jeder Schritt, jeder Stein zeugten besser als alle Worte davon, dass es im Vorgelände der Reichskanzlei und des Reichstages wie in den Gebäuden selbst einen Kampf auf Leben und Tod gegeben hatte.“ Am 2. Mai ist das Gebäude erobert, und jene Rotarmisten, die das Hissen der roten Fahne auf dem Reichstag nicht mehr erleben durften, wurden in Massengräbern in der Schönholzer Heide, am Rande des Tiergartens und in Treptow beigesetzt. Erst am Dienstag kehrte der zwölf Meter hohe Soldat nach seiner Restaurierung auf den Hügel in der bekanntesten Berliner Gedenkstätte der Roten Armee im Treptower Park zurück. „Ewiger Ruhm den Helden, die in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Heimatlandes gefallen sind“, liest man dort, wo dunkelroter Marmor aus Hitlers Reichskanzlei zu einem Teil der Traueranlage geworden ist. Der deutschen Opfer der letzten Kriegstage wurde weniger pathetisch gedacht – sie liegen auf zahlreichen Friedhöfen der Stadt, auf dem Dorotheenstädtischen gibt es mehrere Gemeinschaftsgräber mit den Sterbedaten April oder Mai 1945.

59 Jahre später gilt das Interesse der vor allem ausländischen Touristen, die mehr über die Historie Berlins und die einst geplante „Reichshauptstadt Germania“ erfahren wollen, jenem Ort, an dem sich das „Dritte Reich“ in Gestalt Adolf Hitlers am 30. April 1945 endgültig die Kugel gegeben hat. Tag für Tag laufen Gruppen von in- und ausländischen Touristen vom Gelände des Holocaust-Mahnmals an der Behrenstraße, vorbei an braunen Plattenbauten, in die einstigen Ministergärten. Alle haben das gleiche Ziel. „Gestern hat mich wieder so ein freundlicher Amerikaner angesprochen“, berichtet eine Anwohnerin, „er fragte: ,Wer is sse Bankör?‘“ Die Frau dachte, er meint Pankow. Oder eine Bank. Nein. Als er mit der Hand das Ansetzen einer Pistole an die Schläfe andeutete, ist klar, was er sucht: Hitlers Bunker. Aber er wird nichts finden, was an den Ort erinnert, an dem sich der Diktator und sein Agitator Joseph Goebbels das Leben nahmen.

Die DDR hatte 1988 die Reste des Führerbunkers nahe der damaligen Otto-Grotewohl-, der heutigen Wilhelmstraße, gesprengt. Geblieben sind meterdicke Seitenwände und eine Bodenplatte im Erdreich, nichts, was sich zum Vorzeigen eignete. Was weg ist, ist weg. Das Ende des „tausendjährigen Reiches“ liegt hinter Plattenbauten unter Asphalt, auf dem Autos parken. Ein Spiel- und ein kleiner Sportplatz sind in der Nähe, die Ländervertretungen, knapp hundert Meter entfernt ist das Holocaust-Mahnmal.

Sollte es 59 Jahre danach nicht möglich, vielleicht sogar nötig sein, eine Tafel aufzustellen, um den Ort zu erläutern, wo die nationalsozialistische Herrschaft, die fast 60 Millionen Menschen das Leben kostete, zu Ende ging? Ähnlich wie die Glastafeln, die knapp und sachlich über Häuser und Menschen in der Geschichtsmeile Wilhelmstraße erzählen, könnte auch der einstige Standort des Führerbunkers gekennzeichnet werden. „Ich glaube nicht, dass dies eine Art Walhall wird“, sagt der Geschichtsprofessor Laurenz Demps, Autor eines Standardbuches über die Wilhelmstraße, und empfiehlt, den „Ort der Endzeit des ,Dritten Reiches‘ und seiner Verbrechen klug zu kennzeichnen“. Der Verein Berliner Unterwelten würde sich an einer Informations-und Schautafel finanziell beteiligen, „um die ganz banale Wahrheit darzustellen und einer eventuellen Legendenbildung entgegenzuwirken“. Und Hanns Peter Nerger, der Chef der Berlin-Tourismus-Marketing-Gesellschaft (BTM), sagt: Dieser Ort sei schließlich Teil der deutschen Geschichte. „Wir würden so eine Kennzeichnung sehr begrüßen, zumal das Interesse internationaler Gäste an den Stätten des ,Dritten Reiches‘ ungebrochen ist“. Deshalb vertreibt die BTM neuerdings für 2,50 Euro eine gefaltete, bebilderte Karte mit Chronik und Lageplan von „Berlin im Dritten Reich 1933 bis 1945“. Zwölf Jahre zwischen Hakenkreuz, Judenmord und Trümmern. Die Karte verkauft sich gut. Wenigstens hier erfährt der Tourist etwas über den Führerbunker im Hinterhof der einstigen Reichskanzlei.

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