Berlin : „Wo sind die Listen, wo können wir unterschreiben?“

Der Botanische Garten ist von Schließung bedroht. Jetzt schwimmt er auf einer Woge der Sympathie

Christian van Lessen

Auffallend waren die vielen ernsten Mienen vorm Haupteingang des Botanischen Gartens Unter den Eichen, obwohl das nahe Grün so verlockend leuchtete und aus der Ferne die blühenden japanischen Pflaumenbäume einen exotischen rosa Tupfer setzten. Schon am frühen Sonntagvormittag bildete sich eine lange Warteschlange, und an der Kasse dauerte es länger als sonst. Kassiererin Petra Kagel musste immer wieder die neuen symbolischen Anteilscheine herausgeben, die für 10 oder auch 30 Euro zu haben sind. Und sie musste im Zehnminutentakt neue Listen für Unterschriften auslegen. Allein gestern kamen, wie am Vortag, wieder mindestens 1000 zusammen. Von Berlinern, die darüber schockiert sind, dass die Freie Universität überlegt, aus Spargründen den BotanischenGarten zu verkaufen oder gar zu schließen.

„Wo sind die Listen, wo können wir unterschreiben?“, fragen die Leute gleich beim Eingang und geben einander die Kugelschreiber in die Hand. Andere nehmen Listen mit, um sie von ganzen Hausgemeinschaften unterschreiben zu lassen. „Ein Skandal“, sagt Gertraud Kandetzki, die seit 40 Jahren gegenüber am Begonienplatz wohnt, den Garten schon als Kind kennen lernte und ihn nun regelmäßig mit den Enkeln besucht. Das Gefühl sage ihr zwar, dass es unmöglich sei, diesen Garten zu schließen. Aber der Kopf rate ihr, „dass man denen nicht über den Weg trauen darf“. Sie meint die Freie Universität und den Senat. Sie wolle auch einen Anteilsschein kaufen, aber nicht jetzt, kurz vorm Ersten.

Rosemarie Otthik und Walter Böckh aus Buckow hatten vor, nur wegen der Orchideen zu kommen, aber nun sind sie froh, auch noch mit ihren Unterschriften gegen Schließungspläne protestieren zu können. „Undenkbar“, schimpfen sie und kaufen dann noch einen dieser Anteilsscheine. Von denen hatte die Sprecherin des Botanischen Gartens, Brigitte Zimmer, am Donnerstag, als die Pläne der FU bekannt wurden, in Windeseile 400 drucken lassen. Gut ein Viertel davon waren bis gestern verkauft. Was mit dem Geld der neuen, namentlich vermerkten Mäzene geschehen soll, muss noch genau erörtert werden. Es wird vermutlich „in notwendigste Reparaturen“ gesteckt. Unabhängig davon spendete eine Berlinerin 9000 Euro für den Ausbau der Wege, Verbraucherschutzministerin Renate Künast will die Patenschaft für einen Pfauenrad-Farn übernehmen, was vom Botanischen Garten dankbar registriert wurde, ebenso wie die Trostworte vom Landesverband Gartenbau. Vor allem aber mit einer so großen Solidaritätswelle aus der Bevölkerung habe man nicht gerechnet, sagt Brigitte Zimmer. Und Christina Schwienbacher, die Wirtin des Landhaus-Restaurants gleich neben der Kasse, stellt fest, dass seit Donnerstag mehr Gäste als sonst kommen. „Ich glaube, es gibt eine richtige Schreckreaktion.“

Für den Botanischen Garten selbst waren die FU-Überlegungen ein Schock. Brigitte Zimmer berichtet von Krisensitzungen, von der Erkenntnis, dass Protest-Unterschriften allein nicht reichten. Schnell wurde die Idee für Anteilsscheine für einen Quadratmeter Freilandfläche (10 Euro) oder Gewächshaus (30 Euro) geboren.

Tief sitzt die Enttäuschung, von der Uni, die seit 1995 den Garten als Bildungs- und Forschungsstätte mit über acht Millionen Euro jährlich finanziert, nicht rechtzeitig von möglichen Schließungsplänen informiert worden zu sein. Groß ist aber auch die Hoffnung, dass der Akademische Senat der FU am 19. Mai ein klärendes und beruhigendes Wort spricht. Eine Schließung wäre nach Ansicht der Botaniker unverantwortlich, ein Verkauf durch die Uni unmöglich, da das Gelände dem Land Berlin gehört.

Wer die Besucher am Sonntag durch den Garten wandern sah, konnte schnell erkennen, wie erheiternd sich die blühende Natur auswirkt. Die Spaziergänger, unter ihnen viele junge Leute und Kinder, bewunderten die Pflanzenwelt, freuten sich an der Artenvielfalt. Viele waren stolz, im „offiziellen Außenstandort“ der Internationalen Gartenausstellung IGA 2003 Rostock zu wandeln. Von den vielen ernsten Mienen, die am Eingang des Gartens zu sehen gewesen waren, keine Spur mehr.

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