Berlin : Wohin mit dem Berliner Müll?: Die Deponie ist ein Auslaufmodell

Thomas Loy

Die Müllkippe, Synonym für die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, für Massenkonsum, Verpackungswahn und Landschaftszerstörung - die Müllkippe stirbt langsam aus. "Das Deponieren ist ein Auslaufmodell", sagt Carlo Zandonella von der Senatsumweltverwaltung. Der Berliner Senat bereitet sich statt dessen auf die "energetische Verwertung" vor, die auch den bisher deponierten Hausmüll - rund 800 000 Tonnen jährlich - restlos erfassen soll. Dabei möchte man den Bau einer weiteren Müllverbrennungsanlage möglichst vermeiden. Allerdings machten jetzt Informationen die Runde, dass die Berliner Stadtreinigung (BSR) an einem Konzept für Müllverbrennungsanlagen arbeitet. Unter anderem ist - wieder einmal - der Blockdammweg in Rummelsburg in Lichtenberg im Gespräch. Anwohner und Bezirksamt laufen bereits Sturm - wie schon Anfang der 90er Jahre.

"Gesucht werden flexible Lösungen, keine teuren, einseitigen Anlagen", fachsimpelt Zandonella. Die Berliner Stadtreinigung (BSR) arbeitet gegenwärtig zusammen mit den Fachressorts ein Gutachten aus, das bis zur Sommerpause dem Parlament vorliegen soll. Dann werde der Senat entscheiden, so Zandonella, denn "die Zeit drängt". Damit meint er den 1. Juni 2005. Danach darf nur noch vorbehandelter Müll, also von Wasser und organischen Stoffen befreit, auf einer Deponie abgeladen werden. Und wenn deponiert wird, dann nur noch auf einer abgedichteten Fläche, um das Grundwasser zu schützen. Die zwei Berliner Umlanddeponien, auf denen noch Müll eingelagert wird, haben eine solche "Basisabdichtung" nicht, fallen also mit dem 1. Juni 2005 als Entsorgungsmöglichkeit weg.

Wohin also mit dem Müll? Der Senat wollte 1995 gleich mehrere Verbrennungsanlagen bauen lassen, doch an den jeweiligen Standorten formierte sich der Protest. Nach einem "Runden Tisch" mit Umweltgruppen, Wirtschaftsvertretern und Gutachtern mussten BSR und Bewag ihre bereits projektierten Anlagen auf Eis legen. In Brandenburg befürwortete man ohnehin die "Kalte Rotte", eine Art Müll-Kompostierung mit anschließender Deponierung. Doch die rechtlichen und ökonomischen Bedingungen für diese bisher von den Grünen favorisierte Lösung haben sich verschlechtert. Die "wahrscheinlichere Lösung", sagt Zandonella, liege in der Aufbereitung von Hausmüll zu einem "Ersatzbrennstoff" für die Industrie. Nun will es der Zufall, dass die Berliner Entsorgungsfirma Alba ein "Gutachten" vorstellte, in dem sie genau diese Lösung vorschlägt. Zusammen mit dem Sekundärrohstoff-Verwertungszentrum Schwarze Pumpe (SVZ) will Alba rund 300 000 Tonnen Hausmüll (Restmüll) an mehreren Standorten in Berlin "aufbereiten", dann per Güterzug nach Schwarze Pumpe fahren und dort zu Methanol und Strom weiterverarbeiten (siehe Kasten). Das soll rund 210 Mark pro Tonne Hausmüll kosten und damit nicht wesentlich teurer werden als die bisherige Deponierung. Die übrigen Hausmüll-Mengen könnten in Ruhleben verbrannt werden, wenn die vorhandene Verbrennungsanlage entsprechend ausgebaut wird.

Einen Standort für eine solche "Aufbereitungsanlage" hat sich Alba vorsorglich gesichert: die ehemalige Kupferraffinerie an der Flottenstraße in Reinickendorf. Auch das Kraftwerk Rummelsburg am Blockdammweg und die Umschlagstation der BSR an der Neuköllner Gradestraße kämen laut Alba-Chef Eric Schweitzer als Standorte in Frage - hier wollten BSR und Bewag einst ihre Müllverbrennungsanlagen bauen. Eine Aufbereitungsanlage soll ungefähr 100 000 Tonnen Hausmüll im Jahr verarbeiten, rund 50 Millionen Mark kosten und 30 Arbeitsplätze bieten. In solchen Anlagen - eine davon läuft bereits in Schwarze Pumpe - wird der Müll zerkleinert, um Holz, Keramik und Metalle erleichtert, mit Heißluft getrocknet und zu geruchsfreien Pellets von der Größe einer halbierten Zigarre gepresst. Aus einer Tonne Hausmüll lassen sich 600 Kilo Müll-Pellets gewinnen. Diese Pellets könnten als Brennstoff in herkömmlichen Kraftwerken verbrannt oder aber durch Vergasung unter hohem Druck zu 300 Kilogramm Methanol verarbeitet werden. Das SVZ hat bereits mit Chemnitz und Dresden Verträge über die Hausmüll-Verwertung zu Methanol abgeschlossen. Künftig wird das gesamte Hausmüllaufkommen dieser Städte in Schwarze Pumpe verarbeitet. Versuche mit Berliner Hausmüll laufen bereits. Ausreichend Verarbeitungskapazität sei noch frei, sagt SVZ-Geschäftsführer Thomas Obermeier.

Verstreicht dieses Jahr jedoch ohne eine Entscheidung, werde man andere Optionen wahrnehmen. Da es in Ostdeutschland nur wenig Müllverbrennungsanlagen gibt - als potenzielle Mitbewerber -, sehen Schweitzer und Ostermeier eher das Land Berlin im Zugzwang als ihre Unternehmen. Und die BSR, die weiterhin das Monopol auf die Hausmüll-Beseitigung innehat, könne gerne in das Projekt einsteigen. BSR-Sprecherin Sabine Thümler spricht von "vielen Varianten", die gegenwärtig geprüft würden. Von der Variante einer weiteren Müllverbrennungsanlage nach dem Thermoselect-Verfahren habe sich die BSR jedoch verabschiedet.

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