Wohnungen statt Kunst : Atelierhaus Prenzlauer Promenade soll schließen

70 Künstler mieten im Atelierhaus Prenzlauer Promenade günstige Ateliers. Doch wegen der hohen Betriebskosten und des Sanierungsbedarfs in Millionenhöhe soll eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft das Gebäude in ein Wohnhaus umwandeln.

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Günstige Miete. Zwischen 2,50 Euro und 3,50 Euro je Quadratmeter und Monat zahlen die Künstler im Atelierhaus.
Günstige Miete. Zwischen 2,50 Euro und 3,50 Euro je Quadratmeter und Monat zahlen die Künstler im Atelierhaus.Foto: Mike Wolff

Der Aufzug hält mit einem Hüpfer. Im früheren Sitz der DDR-Akademie der Wissenschaften an der Prenzlauer Promenade in Pankow wuchern die Heizungsrohre wild über Wände und Decken und lassen die Temperatur auch an milden Herbsttagen über 25 Grad steigen. Behördentemperatur aus DDR-Zeiten. Tapeten mit Blümchenmuster, rosafarbenes Linoleum auf den Böden und beigebraunes Holzimitat an den Aufzugswänden – der morbide Charme des Ostberlin der Nachwendejahre ist ein kultiger Rahmen für die Werke von Berlins zeitgenössischem Künstlerprekariat aus dem „Atelierhaus Prenzlauer Promenade“. Doch das ist nun gefährdet.
„Das Grundstück soll künftig für den städtischen Wohnungsbau genutzt werden“, meldet der landeseigene Liegenschaftsfonds. Die zentrale Grundstücksverkaufsstelle des Senats besitzt den Plattenbau an der Pankower Magistrale zurzeit Laut Liegenschaftsfonds sprachen sich „die Gesellschaft für Stadtentwicklung, das Atelierbüro und die Kulturverwaltung“ gegen eine Nutzung des Gebäudes im Rahmen des „Atelieranmietprogramms“ aus. Der Grund: vier bis sechs Millionen Euro würde eine Sanierung des Plattenbaus kosten. Allein dessen Bewirtschaftung verschlingt zurzeit jährlich 32000 Euro, die Mieten der Künstler von 2,50 bis 3,50 Euro je Quadratmeter und Monat schon eingerechnet. So einen Verlustbringer will jeder schnell loswerden.
Im früheren Vortragssaal der Akademie hängt der Haussegen so schief, wie die Neonleuchten von der Decke. Klaus Winichner redet sich gerade in Rage: Der Liegenschaftsfonds produziere „seit Jahren beheizten Leerstand“ und habe gar kein Interesse an einer wirtschaftlichen Nutzung des Hauses. Der Berliner Künstler hat seit eineinhalb Jahren sein Atelier im Hause und sagt: „Das Gebäude wäre sofort voll vermietet“, wenn die verbleibenden Flächen zu einem „vernünftigen Preis“ angeboten würden. Doch daran habe der Fonds kein Interesse, denn ein voll vermietetes Künstlerhaus könne man nicht einfach so verkaufen.
Nach dem Tacheles, dem Yoo, dem Schokoladen, gefährdet der Berlin-Hype unter internationalen Investoren nun auch die über die Stadt verteilten Künstler- und Atelierhäuser. Doch in diesem besonderen Fall sind Gut und Böse nicht ganz so einfach auseinanderzuhalten. Denn hier kämpft nicht das kreative Prekariat gegen renditehungrige Investoren oder wenigstens gegen einen auf maximale Verkaufserlöse fixierten Liegenschaftsfonds. Nein, die Künstler müssen sich gegen eine landeseigene Wohnungsgesellschaft behaupten, die hier günstigen Wohnraum für Haushalte mit geringen Einkünften schaffen will. So jedenfalls erklärt es der Liegenschaftsfonds – und spielt damit gleichsam den Schwache gegen den Schwächeren aus.
„200 Ateliers sind berlinweit gefährdet“, sagt Herbert Mondry vom Berufsverband Bildender Künstler und hält eine Liste mit Adressen hoch. Arbeitsräume an der Gerichtsstraße, an Nonnendamm und Alt-Lietzow, an der Axel-Springer-, der Kyffhäuser und der Sigmaringer Straße, am Hohenzollerndamm – überall wollen die Bezirke die von Künstlern vorübergehend genutzten Bauten loswerden – leere Kassen und Berliner Haushaltsnotstand zwingen sie dazu. Deshalb fordern Mondry und die Pankower Künstlern, dass wenigstens dieses Gebäude zwei Jahre nicht verkauft wird. Stattdessen sollen die bisher nicht baufälligen und gesperrten Teile des Gebäudes an weitere Künstler vermietet und ein „Konzept“ für die Erhaltung des Atelierhauses entwickelt werden. Gespräche mit Kulturstaatssekretär André Schmitz liefen. Der Liegenschaftsfonds hat das Areal nach eigenen Angaben bereits den Wohnungsbaugesellschaften angeboten. Alle Verträge mit den Künstlern hätten eine Kündigungsfrist von drei Monaten.
Ina Sangenstedt, die gerade vier zu einem braunen Kreis geformte Nerze an die weiße Wand geheftet hat, arbeitet seit einem dreiviertel Jahr hier – und will „um keinen Preis hier weg“. Die 32-jährige ist drei Mal in den letzten vier Jahren umgezogen, seitdem sie ihr Studium an der Universität der Künste abgeschlossen hat. Das ist eine auch finanzielle Belastung. Zumal Sangenstedt nicht ausschließlich von ihrer Kunst leben kann, sondern außerdem an einer privaten Medienschule unterrichten muss.

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