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Wohnungsmangel in Berlin : Berlin lässt 60.000 neue Wohnungen bauen

Auf 400.000 Wohnungen will Bausenator Andreas Geisel den Bestand landeseigener Wohnungen in Berlin erhöhen. Das soll "überwiegend durch Neubau" geschehen.

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Luft nach oben: Der Berliner Bestand an öffentlichen Wohnungen soll auf 400.000 steigen, wie der Senat am Montag ankündigte.
Luft nach oben: Der Berliner Bestand an öffentlichen Wohnungen soll auf 400.000 steigen, wie der Senat am Montag ankündigte.Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Bausenator Andreas Geisel ist ein höflicher Mann und galant dazu: Um den Neubau von 60 000 landeseigenen Wohnungen zu verkünden, die von den Berliner Wohnungsbauunternehmen bis zum Jahr 2020 hochgezogen werden, ließ er den Chefinnen von Howoge und Gewobag das Wort. Ebensogut hätte er dazu noch die Firmenleitung der Degewo aufs Podium bitten können, auch dort sitzt eine Frau. In Sachen Gender-Politik geht es voran in der Verwaltung, jedenfalls darin.

Was den dringenden Bedarf an neuen Wohnungen angeht, ist der Senat noch nicht so weit: Im vergangenen Jahr ging die Zahl sowohl der fertig gestellten Neubau-Wohnungen als auch der Baunträge bis Ende des dritten Quartals zurück. Nur durch den Ausbau von mehreren tausend Dachgeschossen stand in der Summe ein kleines Plus gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ein großes müsste es sein, um auch nur annähernd genügend Wohnraum für die jährlich 40 000 Neuberliner zu schaffen, die in die Stadt drängen.

In der Not der Stunde sollen die städtischen Unternehmen deshalb mit der „Neubauoffensive“ ihrer „gemeinnützigen“ Aufgabe nachkommen, die in der Bereitstellung von Wohnraum für alle Bevölkerungsschichten besteht. Zu verstehen sind darunter das digitale Prekariat, Hartz-IV- und Wohngeld-Empfänger, Minijobber sowie Krankenschwestern und Polizisten, denn bis in die Mitte der Gesellschaft reichen die Haushalte inzwischen, die sich die explosionsartig gestiegenen Mieten freier Wohnungen in Berlin nicht mehr leisten können.

Mieten ab 6,50 Euro

Unter etwa neun Euro nettokalt pro Quadratmeter ist Wohnraum kaum noch zu haben – nur die landeseigenen vermieteten laut Snezana Michaelis von der Gewobag rund 20 000 Wohnungen im vergangenen Jahr für 6,10 Euro je Quadratmeter. Und Stefanie Frensch von der Howoge sagte, 40 Prozent aller Wohnungen seien an Haushalte mit geringen Einkünften vergeben worden, die einen Wohnberechtigungsschein vorweisen können.

Und die landeseigenen Unternehmen sind eine „Marktmacht“, so die Botschaft: 600 000 Mieter in gut 320 000 Wohnungen – und dieser Bestand soll durch Neubau auf 400 000 erweitert werden, wobei Geisel am Montag außerdem ankündigte, „weitere Bestände dazu kaufen“ zu wollen. Von den neu entstehenden Wohnungen soll wiederum knapp ein Drittel (30 Prozent) mit Förderungen zu Mieten „ab 6,50 Euro“ je Quadratmeter an den Markt kommen, so Howoge-Chefin Frensch. Kurzum, die landeseigenen Firmen sollen zum „Motor des bezahlbaren Wohnungsbaus“ werden, sagt Geisel.

Möglich ist das nur, wenn die Neubauten auf landeseigenen Grundstücken entstehen, denn die freien Grundstückspreise sind durch Spekulanten durch die Decke gegangen. Die landeseigenen Unternehmen sollen dafür notfalls auch frisches Geld aus dem Haushalt bekommen und außerdem „seriell“ und „modular“ bauen, eine vornehme Ausdrucksweise für Plattenbau 2.0. Wobei das gemischte Trio auf dem Podium das mit der Platte so nicht gelten lassen wollte. Zwar sollen „wiederholbare Fassadenelemente“, „typisierte“ Fenster und „standardisierte“ Badezimmer in Quartieren mit mehreren 100 Wohnungen zum Einsatz kommen, dennoch bestehe „keinerlei Gefahr von Monotonie in den neuen Quartieren“, sagte Frensch. Überraschend ist die Botschaft, dass das „modulare Bauen nicht immer günstiger“ ist, dafür aber schneller gehe.

Im April eine Liste der Standorte

So ähnlich hatte sich Bausenator Geisel bereits geäußert im Zusammenhang mit der Errichtung der „Mufs“ (Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge), die kaum unter 2000 Euro je Quadratmeter zu haben seien. In der Politik mehren sich deshalb die Stimmen, wonach doch eher konventionelle Neubauten entstehen sollten, die wenigstens nicht das Stadtbild verschandeln. Gut möglich, dass in Kürze eine Debatte über die Baukultur folgt.

Zumal der Unterschied zwischen bezahlbaren Wohnungen und solchen für Flüchtlinge immer weiter verwischt. Geisel jedenfalls verteidigte seine Absicht, Mufs als „Pionierbauten“ auf Entwicklungsgebieten hochzuziehen. Dies sei allemal besser, als Flüchtlinge „abseits in Gewerbegebieten“ abzuschieben.

Wo aber sollen die 60 000 neuen Wohnungen entstehen? Das bleibt vorerst das Geheimnis des Senats und seiner Firmen. Zwar seien 34 000 der Wohnungen bereits in Bau oder in „konkreter Planung“. Erst im April soll aber eine Liste der genauen Standorte vorgelegt werden. Und nichts Genaues erfährt man bis auf weiteres über die weiteren 26 000 Wohnungen der Neubauoffensive, bis 2026 gehen ja noch zehn Jahre ins Land.

Zu erfahren war außerdem, dass die neuen Wohnungen für Berlin eher klein werden, bei der Zwei-Zimmer-Variante weniger als 60 Quadratmeter klein und bei vier Zimmern weniger als 80 Quadratmeter. Und auf den großen Entwicklungsgebieten wie der Elisabeth-Aue oder Tegel nach dem Start des letzten Flugzeugs die Hälfte aller Wohnungen von den Städtischen gebaut werden sollen.

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