Berlin : Wolf-Ingo Römer (Geb. 1954)

Hier was, da was, immer unter Strom. Da helfen Kaffee, Nikotin und Alkohol.

H. P. DanielsD

Manche nannten ihn Wolf- Ingo, einige sagten Ingo, und für wieder andere war er einfach „Römer“. Je nachdem, aus welcher Lebensphase sie ihn kannten, aus welchem Freundeskreis, aus welcher Zeit, welcher Stadt. Römer hatte unzählige Freunde und Bekannte. Er war beliebt wegen seiner Zugewandtheit, Aufmerksamkeit, wegen seines blitzenden Humors und der bestechenden Rhetorik. Manchmal war er auch gefürchtet wegen seiner Hartnäckigkeit, Rechthaberei, seines Mangels an Diplomatie.

Aufgewachsen war er in jenen wilden Zeiten, in denen Jugendliche anders sein wollten als die Kriegsgeneration der Eltern, anders als Establishment und anständige Bürger. Wie seine Freunde hatte auch Römer keine Berufslaufbahn im Auge, keine Karriere, plante keine Zukunft, sondern wollte das Leben ausprobieren, sehen, wohin es ihn treibt. Ein Bohemien mit Langhans’scher Wuschelmähne, der gelegentlich in Cafés Klavier spielte, zwischen Jazz und Klassik, Beethoven und Jarrett.

Als es ihm in Bremen bei den Eltern und im Gymnasium nicht mehr gefiel, so mit sechzehn, haute er ab: für eine Weile nach Berlin. Dinge ausprobieren, Grenzerfahrungen machen, was immer das war: Experimente mit LSD und Alkohol, Kunstprojekte mit einem befreundeten Maler. Was machte es, dass er darüber ein Schuljahr verlor? Immerhin lernte er, zurück in Bremen, in der tieferen Jahrgangsstufe des Gymnasiums neue Freunde kennen. Und weil Ingo gerne in Gesellschaft war, bezogen sie zu dritt eine kleine Wohnung am Bremer Ostertor.

Jugendlichkeit, unbedingtes Künstlertum und all die sprühenden Einfälle – so etwas geht oft einher mit einem Chaos in Dingen des Alltags. Römer hatte die Idee, den Küchenabwasch „in einem großen Aufwasch“ zu erledigen – irgendwann mal. Bis dahin sei das Geschirr in der Badewanne zu sammeln. Als es dort anfing, komisch zu riechen, besorgte Römer von seinem Vater, der als Chemiker mit der Herstellung von Lebensmittelaromen befasst war, ein paar Proben. Die schüttete er übers Schmutzgeschirr. Das brachte nichts, neue Wege mussten gefunden werden. Und wieder gab Römer die Richtung vor: Das Geschirr war zu reduzieren, eine Garnitur pro Person. Kurzerhand verfrachtete man das Drecksgeschirr in ein Auto, fuhr raus und warf es aus dem Fenster, Teller für Teller.

Als Römer nicht so recht wusste, was zu tun war nach dem Abitur, folgte er den Freunden zum Studium nach Tübingen. Und wieder wohnten sie zusammen. Die Bremer freundeten sich mit den Schwaben an, deren Rotwein und süddeutsche Küche Ingo schnell zu schätzen lernte. Wie auch die endlosen Debatten. Sie verstanden sich als undogmatische Linke, liebäugelten mehr mit den Spontis als mit den blöden Leninisten. Und stärkten sich daher auch mehr für die Kultur als für den Klassenkampf. Mit Trollinger und Tafelspitz. Sie planten Filmfestivals, organisierten Theateraufführungen und Jazzkonzerte, nudelten Flugblätter durch Spiritusmatrizenabzugsmaschinen im Kulturbeirat des Asta.

Während der ganzen Debatten und Wortgefechte im Nikotin- und Haschischnebel kam Ingo Conny näher. Sie zeichnete so tolle Karikaturen, sie war auch so eine Macherin wie er, voller Ideen und Energie, und obendrein war sie noch hübsch. Sie redeten, sie schauten Stummfilme, sie hörten Miles Davis. Aber eins musste klar sein, von Anfang an, darauf pochte besonders Conny: Monogamie war nicht angesagt, man musste frei bleiben, alles auszuprobieren. Abgemacht. Trotz etlicher Neben- und Parallelbeziehungen blieb Conny für die nächsten 34 Jahre die einzige Konstante in Ingos Leben. Ingo fing hier was an, hörte da was auf, machte Pläne, probierte, redete, debattierte. Sein Repertoire war unerschöpflich. Und er arbeitete unermüdlich. Nach dem Tod des Philosophen Ernst Bloch hielt er eine flammende Trauerrede auf seinen Professor. Neben Philosophie studierte Ingo „Empirische Kulturwissenschaften“, andernorts „Volkskunde“ genannt, er verband das abstrakt Theoretische mit dem Konkreten.

Nachdem er sich ein altes Fender-Rhodes-E-Piano gekauft hatte, fand er, man sollte Musik machen, eine Band gründen. Zwei der alten Bremer Freunde machten mit. Römer hatte ehrgeizige Pläne: Little Feat nachspielen und so was. Als das zu keinem befriedigenden Ergebnis führte, versuchten sie es mit New Wave, Punk und Ska. Sie nannten sich Bermuda Dreieck, waren beliebt, produzierten Kassetten, spielten im Audimax, bei Veranstaltungen von Rock gegen rechts, deren Tübinger Oberorganisator Römer auch noch wurde. Schließlich entdeckte er eine Vorliebe für Synthesizer, ließ sich einen Teil seines Erbes auszahlen und kaufte für 20 000 Mark den Oberheim OBXA im Set mit der Rhythmusmaschine DMX und dem Sequenzer DSX. Seine neue Combo hieß naturgemäß Die Maschinisten. Eine Vorstufe zur Computermusik, für die sich der Technik-Tüftler Römer dann auch begeisterte, sobald Midi-Technik, C 64 und Atari auf den Markt kamen.

Ingo las Marx, Hegel, Hölderlin und Bloch und drehte kleine Filme mit der Videogruppe über „die großen und kleinen Schweinereien“ in Tübingen. Und einen Teil seiner Magisterarbeit reichte er auf Videokassette ein. Das war sensationell.

Doch was tun nach dem Examen? Musikerkarriere konnte man damals nicht machen in der Stuttgarter Gegend, die ehemaligen Bandkollegen waren schon nach Berlin gezogen. Und Conny ging nach Hamburg, wegen einer Stelle. Einfach so. Ausgang der Beziehung: offen. Wie geplant: bloß nicht kleben bleiben!

Sollte Ingo doch lieber was mit Film machen? Erst mal eine Weiterbildung zum Filmschnittmeister! Und hier was, da was, immer unter Strom. Dann ein Job als freier Schnittassistent beim ZDF in Hamburg. Da war Conny schon wieder unterwegs, immer auf Achse. Römer arbeitete als Cutter fürs ZDF in Hamburg und München, richtete Avid-Schnittstudios, ProTools-Tonstudios ein. Wiesbaden, Köln, Berlin, Sat 1, RBB. Er übernahm Lehraufträge für Film- und Videoproduktionen an Hochschulen. Trier, Luzern, Schweiz und immer wieder Berlin.

Er mochte Berlin, also beschloss er, dort sein Hauptquartier einzurichten. Und als es auch Conny nach Berlin zog, fand er eine Wohnung in Schöneberg. Sie zogen zusammen, zum ersten Mal nach 24 Jahren.

Wenn sie sich auch weiterhin nur selten sahen, war ihnen doch klar: Einer wollte für den anderen sorgen, wenn sie älter würden. Nach sechs Jahren heirateten sie.

Dann war Conny wieder in der Schweiz, er in München, Wiesbaden, Köln. Arbeiten, arbeiten, arbeiten.

Als ihn Conny einmal bat, ihr zu einem Besuch ein Paar schwarze Schuhe aus der Berliner Wohnung mitzubringen, kam er gleich mit einem extra Koffer: alle schwarzen Schuhe, die er hatte finden können.

Die Arbeit machte ihm Spaß. Zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, Filme schneiden, Lehraufträge, Schichtarbeit. Dazu brauchte er viel Kaffee, Nikotin und Alkohol. Ob das nicht vielleicht zum Problem werden konnte, auf die Dauer? Ach was, mit dem Trinken könne er jederzeit aufhören, wenn er nur wolle. Zum Beweis schloss er gleich eine Wette ab: keinen Tropfen für ein Jahr! Das hat er durchgezogen, in seiner üblichen Beharrlichkeit. Prima, dann brauche er ja nach dem Jahr gar nicht wieder anzufangen mit dem Alkohol – meinten die Freunde. Römer meinte: „Am Tag, an dem die Wette abläuft, wird die Flasche entkorkt!“

Und alles blieb beim Alten: Arbeit, Kaffee, Zigaretten, Rotwein. Alles im Übermaß. Nur selten gönnte er sich eine Pause, fuhr mit Conny ans Meer, in die Berge, Städte und Landschaften erkunden. Er ist gerne lange Strecken mit dem Auto gefahren und wanderte mit Vergnügen. Bevor er zurück ging an die Arbeit. Mit dieser unglaublichen Kraft und Ausdauer. Und hätte dabei gerne mal an einer ganz großen Filmproduktion mit Welterfolg mitgewirkt.

Einmal meinte er, dass er vielleicht doch Beamter hätte werden sollen. Uniprofessor im Staatsdienst. Aber vielleicht war das auch nur einer seiner Scherze. Seine Dozententätigkeit an verschiedenen Hochschulen machte ihm allerdings großen Spaß, und seine Studenten verehrten ihn sehr.

Wolf-Ingo Römer hatte gerade in Trier sein Seminar beendet, war noch verabredet mit Freunden im Kino. Er hastete durch die Fußgängerzone und plötzlich waren da der Schmerz, die Ohnmacht und die Notaufnahme. H. P. Daniels

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