Berlin : Wolfgang Ostberg (Geb. 1939)

Er fand, man solle Nützliches tun. Große Künstler nannte er nur „Künschtler“

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Im Sommer 1968, jenem Sommer, der auf den Prager Frühling folgte, zerbrach seine Liebe zu einer Tschechin. Er hatte einen Beruf, Interessen, eine Meinung zur Weltpolitik; seine Kenntnisse vom praktischen Leben allerdings waren wenig ausgeprägt. Alle wussten, dieser Mann braucht ganz schnell eine neue Frau.

Im Frühjahr 1969 war sie da. Er lud sie in sein möbliertes Zimmer ein, da lagen 30 ungewaschene Socken, die er, wie er sagte, nur noch nicht weggeworfen hatte. Wenn er saubere brauchte, kaufte er sich neue. Sie nahm die alten mit und wusch sie, was für ihn überraschend war.

Er roch manchmal ein wenig, er war eher klein und zog sich an wie einer, dem das Anziehen nicht so wichtig ist. Sie trug gerne Hut und weiße Handschuhe, sie war eine Dame und ein Star.

Die beiden waren Kollegen am Ost-Berliner Metropol-Theater, er seit zwei Jahren hier, sie seit neun. Er, der ausgebildete Schauspieler, liebte Brecht und die ernste Dramatik, die die Welt verbessert. Doch seine Talente lagen eher im Komödiantischen; deshalb hatten sie ihn an das Operettentheater geholt. Er war ein großartiger Puck im „Sommernachtstraum“, ein Styx in „Orpheus in der Unterwelt“. Sie, die ausgebildete Sängerin, spielte die großen Rollen, rollte das R und genoss den rauschenden Applaus.

Er kam aus kleinen Verhältnissen, sein Stiefvater war Jude und Kommunist, ein linientreuer Genosse in der DDR. Vor dem Schauspielstudium ging er freiwillig zwei Jahre zur Nationalen Volksarmee. Sie entstammte einer Künstlerfamilie, ihr Stiefvater war Heldentenor, sie hatte, seit sie sechs war, Klavierunterricht bekommen.

Er hatte einen Sohn aus einer frühen Ehe, sie eine kleine Tochter aus ihrer gerade beendeten Beziehung. Der Vater dieser Tochter, als er von ihrer neuen Liebe erfuhr, lachte nur darüber: Sie mit diesem kleinen Komödianten? Das konnte nur ein Spaß unter Operettenleuten sein, oberflächlich und von kurzer Dauer.

Er stellte sie seinen Freunden vor, weil die besser wussten, was gut für sein Leben war, als er. Sie rieten ihm: Behalte sie und behandle sie gut. Eine bessere wirst du nicht finden.

Die Dinge aufzuzählen, die sie an ihm liebte, wäre eine Möglichkeit. Man kann aber auch von jenen Dingen sprechen, die, sagen wir, eine Herausforderung für sie waren.

Er war ein Bastler. Er fand sowieso, dass Leute, die mit Händen Nützliches herstellen, weitaus nützlicher sind als große Künstler, eitle Schauspieler etwa, die er gerne „Künschtler“ nannte. Er baute eine Tonanlage und besorgte sich einen Scheinwerfer. Als sie eines späten Abends von der Vorstellung nach Hause kam, hatte er den Scheinwerfer aufs Fensterbrett gestellt und die Straße taghell ausgeleuchtet. Durchs Mikrofon raunte er, dass es die ganze Straße hören konnte: „Komm zuuu mir! Komm ins Bett!“ Nicht lange drauf wurde sie schwanger. Der Sohn, der da entstand, wurde – wie er – Schauspieler.

Sie durfte in den Westen fahren, weil sie in Wien geboren war. Ebenso wie er an die Idee des Sozialismus glaubte, glaubte er an die Überlegenheit der Werkzeuge und Baumaterialien, die der Kapitalismus hervorbrachte. Sie wusste, womit sie ihm eine Freude machen konnte: nicht mit schönen Hosen oder Krawatten. Wenn sie von ihren Reisen heimkehrte, schleppte sie Stahlwinkel und Bohrmaschinen. Und er freute sich darüber.

Sie, er und eine gute Freundin fuhren in der S-Bahn, und er machte einen kleinen Scherz. Laut, so dass es möglichst viele hörten, fragte er die Freundin: „Ist dein Mann eigentlich noch im Gefängnis, oder haben sie ihn inzwischen rausgelassen?“ Sie und die Freundin wären gern vor Scham durch den Wagenboden verschwunden. Er fand den Spaß gelungen.

Sie zogen in ein Haus. Das befand sich in Mahlsdorf, im Osten von Berlin, und hatte einen großen Garten. Und eine große Wiese, die zu mähen war. Er machte die Bekanntschaft eines Schäfers und kaufte ihm zwei Schafe ab, die die Arbeit übernehmen sollten. Zwei Weibchen waren das, die brav die Wiese abfraßen, und sie sah ein, dass die Schnapsidee auch einen Nutzen hatte. Als er nach einer durchzechten Nacht mit dem Schäfer noch einen Bock dazustellte, änderte sich die Sache. Denn es entstand nun eine kleine Herde, und wenn er nicht da war, musste sie sich um die Lämmer kümmern. Sie war Operettensängerin! Er hingegen lief stolz mit seinen Schafen und dem Hund und einem langen Stab durch Mahlsdorf.

Premierenfeiern besuchte er so ungern wie alle anderen Feiern. Er liebte das Machen, nicht das Feiern. Immerhin, wenn sie ihm riet, zu jener Gelegenheit eine Krawatte umzubinden und zu der anderen, ungezwungeneren nicht, so befolgte er das stets. An dem Tag, an dem sich ihre Hochzeit zum 25. Mal jährte, kam er spät von der Probe wieder. Er hatte auf Inline-Skates über die Bühne fahren und dabei singen müssen und war sehr müde. Im Briefkasten fand er einen Zettel, auf den sie geschrieben hatte: „Wenn Sie Ihrer Frau noch zur silbernen Hochzeit gratulieren wollen, sollten Sie sich beeilen.“ Er rief: „Ach du Scheiße!“ – und beeilte sich.

In den letzten Jahren, in denen er nicht mehr auf der Bühne stand, bastelte er und baute, kümmerte sich um seine Enkel, lernte Sprachen und Gitarre spielen. Er liebte die späten Lieder von Johnny Cash, hörte sie mit Kopfhörern bei der Gartenarbeit und sang laut mit, und sie dachte: Das werden die Nachbarn wohl komisch finden.

Zwei Jahre lang war er sehr krank, und sie hat ihn gepflegt.

Es war eine große Liebe, manchmal ein Spaß unter Operettenschauspielern, manchmal schwierig. 42 Jahre miteinander. Sie sagt: „Hin und wieder war er unmöglich. Aber langweilig war er nie.“ David Ensikat

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