Berlin : Wolfgang Schleider (Geb. 1927)

Ein guter Großvater und außerdem Major bei der VP.

Judka Strittmatter

Wenn Opa vom Dienst nach Hause kam, in Uniform, wie meistens, ließ er den Enkel auf den Schultern reiten. Der schnappte sich dann manchmal Opas Polizistenmütze, und ein Ritual begann, das Zuneigung verstärkte und als Erinnerung bleibt. Für den Enkel, der erzählt.

Wolfgang Schleider war Soldat im Krieg, er kam zurück und hatte ein genaues Bild vor Augen: ein Leben mit Gerechtigkeit für alle wollte der Weddinger erreichen. Das wollte auch die DDR, so kamen sie zusammen. Als FDJler warb er für den Dienst in der Volkspolizei, bis er sich selber sagte: Dann geh’ ich auch dahin!

Ein überzeugter Genosse war er immer, sagt der Enkel, auch die Nachfahren erzog er in diesem Sinn. Das hielt ihn nicht vom Lachen ab, wenn die Familie Streiche spielte und sein Bett mit einer roten Fahne überzog. Er war ein Guter, sagt der Enkel. Doch wie der Opa im Beruf war, weiß er nicht. Gab ja auch nette, menschliche Polizisten in der DDR. So muss es erst mal stehen bleiben. Und vielleicht besagt ja der Umstand etwas, dass ein seinerzeit junger Kollege bis heute Hilfe leistete, wenn Herr Schleider welche brauchte. Papiere ausfüllen. Für die Rente und für dies und das.

Allerdings: Mehr als alle anderen in der Welt brauchte Major Schleider seine Frau, wenn man so will, war sie sein General. Wenn auch einer, der ihm die Anziehsachen rauslegte für den nächsten Tag. Das war aber auch ihr besonderes Händchen, denn Frau Schleider arbeitete im „Exquisit“, einer Art Delikatessenshop für Bekleidung. Pullover, Hosen, alles feine, teure Ware und für Frau Schleider günstiger erhältlich. Auch deswegen konnte Herr Schleider nie so sein, wie das Klischee es gerne hätte. Wenn schon Staatshüter der DDR, dann so, wie man sie allenthalben kannte: böse dreinschauend und ins Plastikhemd gewandet. Seine Frau bevorzugte Hemd und Schlips für ihn, darüber V-Pulli. Das sah klassisch aus und kleidete ihn gut. Doch als würde tatsächlich nur ein feiner Herr in seinem Körper wohnen: Handwerklich konnte Herr Schleider niemandem eine Stütze sein. Die Nägel mussten andere in Wände schlagen.

Aber Quatsch machen, sich verkleiden, das ging wie von selbst. Von null auf hundert. Auch das so eine Enkel-Erinnerung, die tief sitzt und immer wieder abgerufen wird. Auch Schach und Skat brachte der Opa seinem Enkel bei und trug ihm selbst erfundene Geschichten vor. Nicht zu vergessen: der Fußball. Als Junge Hertha-Fan, schwenkte Herr Schleider später zu den Magdeburgern über. Und konnte, gurkten die nur übers Feld, auch richtig grillig werden. So, dass es seiner Frau einmal sehr peinlich war, als sie ins Stadion mitging. Neben einem, der den Schiedsrichter so hemmungslos beschimpfte, wollte sie nicht länger sitzen. Obwohl sie sonst im ganzen Leben zu ihm hielt und für seine Polizistenlaufbahn sogar den Kontakt zu Mutter und Schwester im Westen abbrach. Über Jahre. Das war es, was die DDR erwartete.

Mit der Wende zerbrach der Gerechtigkeitstraum, und Wolfgang Schleider fiel aus allen Wolken. „Wir sind betrogen worden, von denen da oben“, war sein Resümee nach 44 Jahren Treue. Zu dieser Zeit war er schon Rentner, und wohl auch deshalb zählte dann nicht mehr die große Politik, sondern vor allem Seelensalbung, und sei’s mit Seichtigkeiten, wie sie die meisten einmal brauchen. Bei ihm war’s die „Verbotene Liebe“. Dazu ein Stückchen schöne Schokolade, die er selbst dann im Kühlschrank fand, wenn sein General sie gut versteckte.

Rituale führten die Schleiders, die im Plattenbau direkt am Alex wohnten, durch ihren Alltag. Zum Einkaufen ging’s runter zum Kaufhof, manchmal saß man auf den Bänken dort, schauend, was sich nun wieder veränderte in der Stadt. Manchmal fuhren sie auch weit hinaus, nach Britz, nach Tempelhof, gern an den Tegeler See: „Der ist wie Ostsee!“

Der Tod saß Wolfgang Schleider früher einmal schon im Darm, seit zehn Jahren war alles ruhig und er gesund. Dann kehrte das Wuchern wieder. Viel schlimmer aber war die Alzheimer-Krankheit, der Enkel war forthin nur noch „mein Freund“.

Zwei Tage war Herr Schleider noch in einer Demenz-WG, doch dann ging es wieder ins Krankenhaus. Als wenn er ahnen würde, dass ihn noch jemand sehen will, wartete er mit dem Sterben, bis der Enkel eintraf. Seinen Urlaub am Mittelmeer brach dieser ab, als er den Anruf aus dem Krankenhaus erhielt.

Im Tod vereint ist Herr Schleider mit der Kunst seines dahingeschiedenen Landes: Ein paar Gräber weiter liegt, jüngst verstorben, Erwin Geschonneck auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Judka Strittmatter

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben