Berlin : Wolfs Revier

Wie Umweltministerium und Artenschützer den Brandenburgern die Angst vor dem streng geschützten Raubtier nehmen wollen.

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Wieder da. Die Wölfe breiten sich langsam wieder aus. Vielen sind die wilden Waldbewohner allerdings nicht geheuer – dabei gilt der Wolf für Menschen in der Regel als ungefährlich. Foto: dapd
Wieder da. Die Wölfe breiten sich langsam wieder aus. Vielen sind die wilden Waldbewohner allerdings nicht geheuer – dabei gilt...Foto: dapd

Potsdam - Die Mark ist Wolfs Revier: In Brandenburg beginnen Regierung und Naturschutzverbände die Bevölkerung darauf vorzubereiten, dass sich die streng geschützte, aber menschliche Urängste weckende Raubtierart in den kommenden Jahrzehnten weiter ausbreiten wird, und zwar im ganzen Land. Am Freitag besiegelten in Potsdam der World Wide Fund for Nature (WWF) und Umweltministerin Anita Tack (Linke) eine Kooperation zum Wolfsschutz und -management. „Es geht darum, Ängste abzubauen, die tief sitzen“, sagte Tack. Man müsse „wieder lernen, wie Italien, Polen oder Rumänien mit dem Wolf zu leben“, formulierte Volker Homes, Artenschutz-Chef beim WWF Deutschland. Für die Naturschutzorganisation steht der Wolf in einer Reihe mit vom Aussterben bedrohten Arten wie Tiger, Elefanten oder Nashörnern anderswo in der Welt.

Nach Brandenburg zurückgekehrt ist der Wolf, der sich seine Wege westwärts aus Polen und dem Baltikum sucht, schon längst. Nachdem er auch hier 150 Jahre ausgerottet war, erst 2007 ein erstes Rudel gesichtet wurde, leben in der Prignitz, im Fläming und im derzeitigen Hauptrevier, der Lausitz, nach Worten von Tack bereits „30 bis 40 Tiere“, fünf nachgewiesene Rudel, zumeist auf früheren Übungsplätzen oder Tagebauen. „Wir gehen von Wachstum aus, in zehn, zwanzig Jahren muss man in weiten Teilen Brandenburgs mit Wölfen rechnen“, sagte Homes. Den Trend bestätigt Axel Steffen, Naturschutz–Referatsleiter im Umweltministerium: „Das ganze Land Brandenburg ist potenziell Wolfserwartungsland.“ Der Wolf wird nicht nur in berlinfernen Regionen, in denen immer weniger Menschen leben, wieder heulen. „Der Wolf braucht keine Wildnis. Er lebt auch in der Kulturlandschaft. Aber er braucht Rückzugsgebiete“, sagte Steffen. Experten erwarten, dass Wölfe auch im Berliner Umland häufiger auftauchen.

Das Land ist für den Umgang mit dem Wolf auf Naturschutz-Profis wie vom WWF und dem Internationalen Tierschutz Fonds (IFAW) angewiesen, mit dem eine ähnliche Kooperation läuft. Ein Grund ist laut Steffen, dass die personell ausgedünnte Umweltverwaltung gar nicht selbst in der Lage wäre, ein Wolfsmonitoring vorzunehmen. Die WWF-Experten wollen im Land weitere Infrarot-Fotofallen, eine Art „Blitzer“ für Wölfe, aufstellen - um rechtzeitig weitere Vorkommen zu entdecken. Und sie sollen vor allem Landwirte und Tierhalter beraten, wie man durch Vorbeugung Wolfsangriffe auf Herden vermeiden kann, etwa durch Elektrozäune, deren Anschaffung vom Land teilweise zu 100 Prozent gefördert wird. Die Gefahr werde gemeinhin überschätzt, der Wolf sei „sehr menschenscheu“, so die Botschaft. In der Regel ernähren sich die Wölfe von Wild, von dem es im Lande immer mehr gibt. Pro Jahr verspeist ein Tier, so Experten, im Schnitt 65 Rehe, 9 Stück Rotwild und 16 Sauen. Trotzdem gibt es insbesondere bei Landwirten, aber auch bei Jägern massive Vorbehalte, die durch regelmäßige Meldungen genährt werden. In diesem Jahr wurden bis August 34 gerissene Nutztiere registriert. Im Jahr 2010 waren es 61 von Wölfen gerissene Schafe, 23 Dammwild-Tiere aus Wildgehegen und 2 Rinderkälber, für die das Land 20 000 Euro Entschädigung zahlte, bei Schafen 80 bis 100 Euro pro Tier, für Zuchttiere 200 bis 300 Euro, hieß es. Vor Ort schaffen solche Vorkommnisse Unruhe. So wurden bei Wittstock nahe dem früheren Bombenabwurfplatz Anfang 2011 knapp dreißig Dammhirsche in Gehegen von Wölfen gerissen, im Sommer 2010 waren es nahe dem Truppenübungsplatz Lehnin bei Brück 15 Lämmer, Bilder, die Nicht-Naturschützer schockieren.

Und dann stößt jede Akzeptanz-Offensive für eine friedliche Koexistenz mit „Isegrimm“ noch auf ein kulturelles Problem, nämlich die Märchen der Brüder Grimm, worauf Ministerin Tack nur halb im Scherz hinwies. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit werde als Kinderstück gern „Rotkäppchen“ aufgeführt, sagte Tack: „Und am Ende jubeln alle im Saal: Hurra, Hurra der Wolf ist tot.“ Vielleicht finde sich ja endlich jemand, so fügte die Ministerin hinzu, „der bei Grimm’schen Märchen das Ende umschreibt“.

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