Berlin : Wowis Welt

Brigitte Grunert

Auf dem Amtsschreibtisch von Klaus Wowereit liegen manchmal Illustrierte neben den Akten, griffbereit für Besucher. Es sind natürlich nur solche mit Hochglanzfotos von Herrn Wowereit. So etwas erfreut den Regierenden Bürgermeister. Es ist auch wahr, dass er auf Partys und Empfängen kein Ende findet. Er plaudert gern strahlender Laune mit einem Glas (egal ob Wasser oder Wein) in der Hand mit Promis über Gott und die Welt. Doch solche Anlässe sind für ihn wichtige Kontaktbörsen. Er hat eben seine Strategie, in entspannter Atmosphäre den Resonanzboden für wichtige Anliegen zu bereiten.

Der Koalitionswechsel, den er im Frühsommer herbeigeführt hat, der Wahlsieg der SPD am 21. Oktober - er kostet das aus, er ist nicht uneitel. Ja doch, der Mann mit dem Kommunikationstalent genießt die öffentliche Aufmerksamkeit, das Blitzlichtgewitter. Aber er setzt seine Popularität bewusst ein: Er will als Regierender Bürgermeister in den Hauptstadt-Rhythmus passen und nicht abseits im Roten Rathaus vor sich hin werkeln. Die Berliner Nächte sind lang und vielfältig. Anders als sein CDU-Vorgänger Eberhard Diepgen, der immer so amtlich auftrat, als wäre er sein eigener Staatssekretär, eine Ansprache hielt und nach angemessener Frist wieder ging, liebt der SPD-Mann den unkonventionellen Repräsentationsstil. Er muss zur Schau stellen, dass er in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Schon hat "der Wowi" seinen Spitznamen als "Regierender Party-Meister" weg. Manche Genossen sind ein bisschen kribbelig aus Sorge, dass er Glanz und Glamour übertreibt. Die Bürger könnten ja fragen: Wann regiert er? Wann liest er Akten? Ist er bloß eine Amüsierwurzel? Kann er die Seide von der Halbseide unterscheiden? Selbst auf dem Nürnberger SPD-Parteitag ist das am Rande Gesprächsstoff. SPD-Landeschef und Senator Peter Strieder weiß es besser. Wowereit erscheine zu jedem politischen Termin superpünktlich und gut vorbereitet, lässt er bestellen. Öffentlichkeitswirksame Auftritte gehören zum Regieren, na klar.

Atemberaubend stark muss die Wowereitsche Kondition sein. Bei der Aids-Gala in der Deutschen Oper Berlin hielt er es bis in die Puppen aus, stellte er seinen Lebenspartner Jörn Kubicki vor und machte sich darüber lustig, dass man den noch nie vorher an seiner Seite wahrgenommen habe. Doch welcher Anlass hätte besser gepasst, der Lüftung des Geheimnisses nachzuhelfen? Dann ging es die Woche durch von einem zum anderen illustren Ereignis. Wowereit kam gar nicht mehr aus dem Smoking heraus. Bei der Bambi-Preis-Verleihung ließ er sich lachend mit Sektflasche und Damenpumps ablichten - und mit Herrn Kubicki. Auf dem Bundespresseball fungierte er als charmanter Begleiter und Tanzpartner von Sabine Christiansen. Herr Kubicki war auch da, blieb aber taktvoll im Hintergrund. Anderntags folgte die anstrengende große Runde der Koalitionsverhandlungen von SPD, FDP und Grünen im Roten Rathaus. Wowereit müde? Einige wollen so etwas bemerkt haben nach den Strapazen der Feierei, andere dagegen keine Spur davon.

Sonntag reiste er zum SPD-Bundesparteitag nach Nürnberg. Montagabend düste er mit einem Linienflugzeug zurück zum Fest der Berliner Aids-Stiftung. Wieso nicht? Da ist er Kuratoriumsmitglied. Und außerdem: Dieses Ereignis war doch auch für Diepgen immer Ehrensache. Gestern saß Herr Wowereit wieder wie alle Ministerpräsidenten auf dem Parteitagspodium in Nürnberg, ganz aufmerksam.

Klaus Wowereit will die neue Ausstrahlung Berlins verkörpern, ein pulsierendes, junges Lebensgefühl. In der SPD-Führung ist von einer Strategie die Rede. Die habe nun jeder bemerkt, heißt es trocken. Folglich kann sich der Regierende dem Ernst des Alltags zuwenden. Richtig, die Koalitionsverhandlungen müssen abgeschlossen, die Ampel muss geschaltet, der Senat gewählt werden - und dann mit Wowereit an der Spitze die Stadt voranbringen. Alles zu seiner Zeit, und immer mit Volldampf. Die Sicherheitsbeamten, die ständig um Wowereit herum sind, nennen ihn schon lange einen "Steher", dieses wahre Konditionswunder.

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