Berlin : Zahnmedizin: Kein Geld für Kronen: Zahnärzte leben jetzt von der Hand im Mund

Christoph Stollowsky

Brücken, Kronen oder Zahnersatz sind in Berlin bis zum Jahresende keine garantierte zahnärztliche Leistung mehr, sondern ein Glücksfall - je nachdem, ob der Zahnarzt sein Honorarbudget für 2001 schon ausgeschöpft hat. Die Kassenzahnärztliche Vereinigung hat jeder zweiten der 2650 Zahnarztpraxen in Berlin eine "Warnmitteilung" geschickt. Das sind all jene, deren Budget für Prothetik bereits stark strapaziert ist. Denn erbringt eine Praxis innerhalb eines Jahres mehr Leistungen, als Honorarmittel vorgesehen sind, muss der Zahnarzt später Geld zurückerstatten. Folge für den Patienten: Viele Mediziner werden teure Behandlungen ins kommende Jahr verschieben oder billigere Lösungen anstreben.

"Diesmal wird es unheimlich knapp", sagt der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Berlin, Jörg-Peter Husemann. Im Blick hat er dabei vor allem das Budget für Prothetik, dessen Grenzen von den gesetzlichen Krankenkassen eng gezogen sind: Jede Praxis darf im Monat 4000 Mark an Honorarzuschüssen für prothetische Leistungen abrechnen. Für eine Krone erhält der Mediziner 220 Mark Arbeitshonoror, 110 Mark zahlt die Kasse, den Rest trägt der Patienten privat. Hinzu kommen Labor- und Sachleistungen, die nicht budgetiert sind. Begrenzt sind dagegen auch die Honorare für zahnkonservierende Leistungen: Hier umfasst das Monatsbudget pro Praxis 5000 Mark, was manche Ärzte zum Beispiel zwingt, Paradentosebehandlungen zum Jahresende einzuschränken.

Die Honorarzuzahlungen wurden vor drei Jahren wegen steigender Ausgaben bundesweit budgetiert und sind überall ähnlich bemessen. Errechnet hat man sie auf der Grundlage der Ausgaben von 1997. Seither wurden sie nicht aufgestockt, was in Flächenstaaten wie Baden-Württemberg kein Problem ist. In Stadtstaaten wie Berlin aber wird es eng, weil Großstädter in Sachen Gesundheit anspruchsvoller sind.

An vorderster Front in diesem Konflikt steht die Kassenzahnärztliche Vereinigung (KZV). Sie erhält die Honorare pauschal von den Kassen und reicht das Geld an die Mediziner weiter. Doch selbst in dieser Schlüsselposition ist es laut KZV kaum möglich, frühzeitig die Notbremse zu ziehen.

Erst in den vergangenen Wochen stellte man fest, dass die Mehrzahl der angeschriebenen Praxen ihr Prothetik-Budget bereits im Juli zu 60- bis 70 Prozent ausgeschöpft hatte, einige Praxen lagen sogar darüber. Einen endgültigen Überblick, sagt KZV-Chef Husemann, werde man erst Anfang nächsten Jahres haben - trotz des verstärkten Einsatzes von EDV. Bis dahin bekommen die Ärzte pro Quartal erst einmal alle Leistungen weiter honoriert. Stellt sich nachträglich heraus, dass sie zu viel gearbeitet haben, müssen sie den Überschuss zurückerstatten.

Bereits im Vorjahr waren Rückzahlungen bis zu 50 000 Mark fällig, sie trafen meist Praxen mit vielen Patienten, denen das unflexible Budget naturgemäß die größten Schwierigkeiten bereitet. Nun beschäftigen sie das Sozialgericht, denn etliche abkassierte Zahnmediziner reichten Klagen ein.

Aus Sicht der AOK ist die Situation weniger dramatisch, wie sie die Zahnärzte darstellten. Das Prothetik-Budget sei ja in der Regel noch nicht zu 90 Prozent in Anspruch genommen. Im übrigen vernachlässigten die Ärzte "Wirtschaftlichkeitsreserven", teure Eingriffe seien nicht immer das Nonplusultra, es gebe adäquate billigere Lösungen.

Auf den ersten Blick ist das auch die Marschrichtung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung. Auch sie sieht den Zwang zu kostengünstigeren Behandlungen. Doch laut KZV ist das ein weiterer Schritt zur Zwei-Klassen-Medizin und heißt konkret bei einer Zahnlücke: Prothese, statt Brücke - also "weniger Komfort im Mund".

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