Berlin : Zehlendorf: Auf der Suche nach dem Monsterwels

Ole Töns

Es ist kalt und diesig, etwa fünf Meter unter der Oberfläche des Schlachtensees. Und es ist dunkel. Atmen: große, quecksilbrige Blasen steigen auf. Abtauchen: ein langsamer Sinkflug in grüne Dämmerung. Irgendwann ist die Oberfläche nur noch ein mattes Funkeln in der Ferne. Unten stehen zartgliedrige Pflanzen zwischen Muscheln, Bierflaschen, Feuerzeugen, Haargummis und Plastikbechern. Der See hebt auf, was oben auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Handgroße Barsche flüchten im Zickzack. Muscheln gibt es nur bis in etwa vier Meter Tiefe. Weiter unten fällt plötzlich die Temperatur. Die Sicht sinkt auf Armlänge. Braune Schlieren überziehen den Grund. Ein falscher Flossenschlag, und wirbelnder Bodensatz lässt die Hand vor Augen verschwinden. Es wird noch dunkler. Hier soll er wohnen, der Riesenwels.

"Silurus glanis, Wels, Waller, Süßwasserfisch des Grundes der großen Ströme und Seen. Am Tage meist in Höhlen und tiefen Kolken verborgen, nur nachts aktiv. Nahrung: Fische aller Art." So steht es auf Seite 144 des Handbuches "Die Süßwasserfische Europas bis zum Ural und Kaspischen Meer." Und dann: "Große Exemplare gehen auch an andere Wirbeltiere wie kleine Säuger und Vögel. In der Krummen Lanke in Berlin wurde sogar eine badende Frau von einem großen Wels wohl irrtümlich in den Oberschenkel gebissen."

Der Autor und Fischbiologe Dieter Vogt muss lachen, wenn er heute auf diese Passage des 1965 erschienenen Handbuches angesprochen wird. "Nein", welcher Vorfall genau damals zu diesem Eintrag geführt hat, weiß er nicht mehr. Zwar sei es sehr selten, doch dass große Welse und Hechte ab und zu zuschnappen - etwa "wenn jemand seine Füße ins Wasser baumeln lässt" - steht für den Fischforscher außer Frage.

Beim Angelverein Wels, der sowohl Schlachtensee als auch Krumme Lanke als Revier gepachtet hat, ist der große Gründler nicht nur Namenspatron. Seitdem dem Spandauer Fischer Hermann Liptow vor über zehn Jahren in der Krummen Lanke ein Tier von 2,5 Metern Länge ins Netz ging, wissen die Angler: die ganz großen Welse sind irgendwo da unten.

Paul Wolpert gehört zu den Anglern, die mindestens einmal die Woche eine Nacht im Ruderboot auf dem Schlachtensee verbringen. Wer seine Geschichten hören will, muss mit raus auf den dunklen Wasserspiegel. Phosphorgrüne Knicklichter glimmen in der Dämmerung. Sie zeigen, wo die anderen vier oder fünf Unermüdlichen ihre Schwimmer treiben lassen. "Viele finden, dass es mit dem Waller etwas Unheimliches auf sich hat", erzählt Wolpert. Dann beschreibt er mit weitausholender Geste die großen Strudel, die das Tier macht, wenn es an die Oberfläche kommt. Und den Wallergriff. Dabei muss der Angler dem Fisch mit dem Daumen ins große Maul fassen, um ihn an Bord zu hieven. Der hornige Gaumen sei mit vielen kleinen Zähnen übersät.

"Einmal musste ich einen wieder loslassen, weil er so schwer war, dass er die Haut vom Daumen zu ziehen drohte." Blesshühner habe er schon in einem wilden Wasserwirbel verschwinden sehen. Keine Zweifel, wer sie geholt hat. Ein Anglerkollege hat die Wasservögel schon im Magen eines mannsgroßen Welses gefunden. Auch in diesem Frühjahr ist wieder einer über 1,80 Meter gefangen worden. Zum Beweis zeigt Wolpert ein Foto. Darauf stemmt jemand mit Mühe einen gewaltigen Fischkopf auf Schulterhöhe. Die Schwanzflosse reicht bis in die Pfütze am Boden. Doch in dieser Nacht geht auf dem See nichts mehr an den Haken.

"Es gibt mehrere Große dort unten", hatte Wolpert zum Abschied noch gesagt. Vielleicht lebt sogar der 2,5 Meter lange Wels noch? Fischer Liptow hat ihn damals wieder freigelassen. Welse sollen ja bis zu 80 Jahre alt werden. Und die Taucher vom Angelgeschäft Graul, die einmal im Jahr den Müll aus dem Schlachtensee holen, die sehen immer wieder welche. Dann hatte Mitangler Günter Schulz einen Tipp: "Im tiefen Trichter vor dem Bootsverleih, da soll der mit den drei Metern stehen." Drei Meter? In der diesigen braunen Kälte am Grund des Schlachtensees ist das ein vollkommen irrwitziger Gedanke. Und wo ist auf einmal ist der Tauchlehrer? "Nicht bewegen und erst einmal warten", hatte er für den Fall geraten, dass wir uns verlieren. Drei Meter? Von ernsthaften Verletzungen oder gar Todesfällen durch Welse hat keiner der Fachleute je etwas gesagt.

"Der hätte niemals so lange überlebt, wenn er blöd genug wäre, sich so leicht finden zu lassen", meint Fischer Liptow später. Und es schwingt dabei eine gewisse Bewunderung mit - für den alten Fisch.

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