Berlin : Zehn Jahre Stadtforum: Die Sturm-und-Drang-Phase ist vorbei

Christian van Lessen

War nicht gerade erst Jubiläum? Woran lag es, dass der gestern von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gefeierte zehnjährige Geburtstag des "Stadtforums" wie aufgewärmt wirkte? Es mag an den zahlreich veröffentlichten Zwischenbilanzen gelegen haben, die vor gut drei Jahren nach fast 70 Sitzungen gezogen wurden.

Sie hatten die großen Erfolge des Stadtforums gewürdigt; aber auch auf den fast erloschenen Glanz seiner Sternstunden hingewiesen. Die große Stadtplanung nach der Wende war entschieden und der Sinn des "Parlaments der Planer", der öffentlichen Diskussion über die Gestaltung der Stadt, fraglich geworden. Die große öffentliche Aufmerksamkeit an den Debatten der Fachleute, die beispielsweise nun nicht mehr über Berliner Themen, sondern die Zukunft der europäischen Städte oder die Haushaltslage in Neuseeland diskutierten, hatte spürbar nachgelassen, das Stadtforum litt darunter, von Kritikern despektierlich Schwatzbude oder Auslaufmodell genannt zu werden.

Geändert hat sich seitdem kaum etwas, nur sind es inzwischen über 80 Sitzungen geworden, und Städte wie London, Venedig, Wien und Hannover haben das Forum kopiert. Da in Berlin das erste Treffen zehn Jahre zurückliegt, gab es Jubiläumsbilanzen und Ausblicke. Der TU-Baujurist Rudolf Schäfer, Moderator des Stadtforums seit 1991, hatte gerade erst im Journal "Foyer" daran erinnern müssen, das die Sturm-und-Drang-Phase des Stadtforums mit städtebaulichen und architektonischen Entscheidungen vorbei ist. Als Hauptstadt müsse Berlin nun aber beispielsweise klären, wie es mit dem neuen Maß an Zentralität und nationaler wie internationaler "Sichtbarkeit" umgehe. Das Forum habe darauf einzugehen, dass die Stadt einen bisher nicht gekannten Geist der Erneuerung und Perspektiven verspüre. Der Bedarf an öffentlichem Diskurs zur Stadtentwicklung sei weiter gewachsen, und Berlin brauche dafür eine Plattform. Das Stadtforum müsse sich als Organ kritischer Beobachtung verstehen und den Spagat zwischen fachlichem Diskurs und Politikberatung sowie einem Bürgerforum schaffen. Es müsse aber auch gezielt Persönlichkeiten ansprechen, Themen längerfristig und zugespitzter formulieren, in den Massenmedien Resonanz finden. Hier liege, so Schäfer, noch ein deutliches Defizit.

Der frühere Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer, der das Stadtforum 1991 gegründet hatte, war bis 1996 ständiger Gast, ließ sich dann aber nicht mehr blicken. Seine Abwesenheit begründete er damit, dass im Gremium wirkliche Entscheidungen nicht mehr vorzubereiten seien. Hassemer hatte für das Forum ein einzigartiges Modell entwickelt: Als "oberster Zuhörer" wollte er sich von "fünf Weisen" aus der Architekturszene beraten lassen, eine Lenkungsgruppe gab Themen vor, "Bänke" eines Parlaments aus Spezialisten (etwa IHK und DGB) sollten gehört werden, dazu "Zwischenrufer" (Künstler und Wissenschaftler). Im Gebäude der Bauinformation an der Wallstraße traf man sich anfangs im Zwei-Wochen-Rhythmus, debattierte etwa über die Gestaltung des Leipziger und Potsdamer Platzes, den Spreebogen, die Friedrichstraße. Das Forum beeinflusste Wettbewerbe und Nutzungskonzepte. Die Idee, innerhalb neuer Bürostadtviertel (wie der Friedrichstraße) einen bestimmten Wohnanteil vorzuschreiben, wäre ohne das Stadtforum vermutlich nicht in die Tat umgesetzt worden.

Senator Peter Strieder schaffte 1996 Plenum und Bänke ab, stockte die Lenkungsgruppe auf, erweiterte das Themenspektrum, reduzierte die Zahl der Sitzungen, vornehmlich im ehemaligen Staatsratsgebäude. Eine seiner letzten Sternstunden erlebte das Forum vor gut drei Jahren, als bei der Präsentation des Planwerks Innenstadt mit 600 Besuchern über das Projekt zur Verdichtung der Innenstadt gestritten wurde.

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