Berlin : Zehn Jahre Stadtforum: Ein Kind der Wiedervereinigung

C. v. L.

Zunächst gab es zahlreiche betretene Mienen, denn die Jubiläumsveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Stadtforums startete mit einer Panne. Die Lautsprecheranlage blieb stumm, Stadtentwicklungssenator Peter Strieder schaute schon nervös auf die Uhr, und die ersten von 200 Besuchern im kirchenschiffähnlichen Bärensaal des Alten Stadthauses an der Klosterstraße dachten schon an Aufbruch. Aber der Defekt wurde behoben, und die 83. Sitzung des Stadtforums konnte mit halbstündiger Verspätung gestern Nachmittag doch noch beginnen. Der Auftakt des zweiten Jahrzehnts Stadtforum war gerettet.

Seit 1991 begleitet das öffentliche Forum von Fachleuten die Berliner Stadtentwicklung, auch wenn in den vergangenen Jahren seine Stellungnahmen an Gewicht verloren haben. Der Stadtentwicklungssenator würdigte gestern das Forum als "Kind der Wiedervereinigung", das von Beginn an fester Bestandteil der Planungsprozesse gewesen sei. Damals hätten schnelle Entscheidungen von großer Tragweite getroffen werden müssen, und das Forum sei als öffentlicher Ratgeber unverzichtbar gewesen. In seiner zweiten, weniger hektischen Phase, habe es nicht nur vereinzelte Orte wie den Potsdamer Platz oder die Friedrichstraße betrachtet, sondern die Bau- und Planungspolitik mit städtischer Gesellschaftspolitik verbunden, beispielsweise über die "Zukunft der Arbeit" oder "Stadt und Migration" diskutiert. Die Debatten seien "Politikberatung im allerbesten Sinne" gewesen. Strieder erinnerte auch an die Diskussionen zum Planwerk Innenstadt, die ihre Wirkungen weit über Berlins Grenzen hinaus entfaltet hätten. Aber er stellte dann doch die Frage, ob das Forum möglicherweise zehn weitere Jahre so weitermachen könne wie gewohnt. "Die Themen sind nicht frei wählbar". Es müsse beispielsweise die demographischen Herausforderungen annehmen und erörtern, "wie wir den Bestand pflegen, sorgfältig mit unseren wenigen Mitteln wirtschaften können". Die Politik brauche auch Rat, wie Berlin sich im größeren Europa positionieren und auf die Erweiterung der EU vorbereiten könne. "Öffentliche Politikberatung und Stadtdialog" waren Themen, die gestern abseits der Jubiläumsworte erörtert werden sollten, und dazu hatte Stadtforum-Moderator Rudolf Schäfer auch Gäste eingeladen, zu denen unter anderem der Stadthistoriker Dieter Hoffmann-Axthelm gehörte. Er versetzte das öffentliche Forum in eine gewisse Ratlosigkeit, als er forderte, Probleme der Stadtgestaltung nicht mehr vom "zentralen Hochsitz" anzugehen, sondern autonome Entwicklungen freizusetzen. Die Verwaltung funktioniere ohnehin nicht, sei in einem verzweifelten Regelsystem verfangen. Privatisierung bedeute einen "Reinigungsvorgang der Stadtpolitik".

Mehr folgen konnte das Publikum den Worten des Architekten Augusto Romano Burelli, Dekan der Universität Venedig, der sich intensiv mit Berliner Bauprojekten auseinandergesetzt hat. Burelli lobte zum einen das Planwerk Innenstadt, das die Stadt wiederentdecke, verdichte und vor neuer Zerstörung bewahre. Er kritisierte andererseits etliche neue Bauten wie das gläserne Sony-Center am Potsdamer Platz ("Leere ohne Rätsel"), bescheinigte aber dem steinernen Daimler-Hochhaus gegenüber eine "lutherische, unnachgiebige Schönheit". Mit dem neuen Bundeskanzleramt sei eine große Idee für eine große Hauptstadt verwirklicht worden, lobte Burelli. Der Umbau des Reichstags sei "glücklich gelungen". Kritisch beurteilte der Architekt die Lage des künftigen Holocaust-Mahnmals. Besser wäre es gewesen, das Mahnmal auf dem "verschwundenen" Wilhelmplatz in der Nähe der früheren Reichskanzlei zu bauen.

Der ehemalige Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer kam als "Überraschungsgast" zu Wort. Der Gründer des Stadtforums würdigte den ersten gemeinsamen Flächennutzungsplans Berlin, der nur Dank des Stadtforums innerhalb von nur drei Jahren hätte entwickelt werden können.

Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo spach vom erfolgreichen Versuch des Stadtforums, die rasante Stadtentwicklung zu begleiten, zu kontrollieren und zu beurteilen. Die Diskussionen müssten jedoch stärker ins öffentliche Bewusstsein dringen. Keine Stadt mute ihre Einwohnern so viele Neuerungen zu wie Berlin. Die Bewohner seien ein "erstaunlich geduldiger Menschenschlag". Es gebe aber in Berlin immer noch eine Abrisswut - auch eine Renovierungswut, beispielsweise in Prenzlauer Berg. "Die Angst vor Patina in diesem Land ist pathologisch".

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