Berlin : Zeitreise mit Komet-Eis und Spreewaldgurke

Die Ostpro zeigt: Je länger die Wende her ist, desto beliebter sind DDR-Marken – auch bei der West-Kundschaft

Annette Kögel

Sage niemand, Ostprodukte hätten keine Chance in der BRD. Das Bier namens „Roter Oktober“ nach einem angeblichen Geheimrezept für die Elite-Einheiten der Roten Armee fände in jedem Kreuzberger Szeneladen Käufer. Gut, zu DDR-Zeiten gab es den revolutionären Hopfen-Tropfen noch gar nicht im Konsum. Doch bei der nunmehr 25. Ostpro-Messe am Wochenende mit Produkten aus den neuen Ländern gehört die Pulle zu den Verkaufsschlagern.

14 Jahre ist es her, dass die Mauer fiel. Doch die Ost-Messe hält, anders als der Betonwall, wohl sicher noch hundert Jahre. Ebenfalls rund hundert Händler hatten sich wieder drei Tage lang im Keller des Forums Landsberger Allee versammelt. „Wir könnten noch mehr aufnehmen, aber die Fläche ist nur 2000 Quadratmeter groß“, sagt Ramona Oteiza von der Berliner Messegesellschaft „Scot“. Seit 1991 gibt es die Messe, vor allem, um die Betriebe am Leben zu erhalten und Produkte zu vertreiben, die es nicht auf die Händlerlisten der Supermärkte schaffen.

Auch wenn schon lange nicht mehr echt Ost ist, was laut Etikett echt Ost sein soll. „Klar sind da jetzt andere Zutaten drin, aber vieles schmeckt wie früher und erinnert einen so schön an die Kindheit“, sagt Ilona Lenser, 42, aus Lichtenberg. Gerade hat sie eine Tüte „Komet Eis“ zum Selbermachen erstanden, darüber freut sie sich, und darüber, dass die Palette von „Kati“- Kuchenmehl wieder größer wird. „Knusperflocken, Schlager-Süßtafel, das kommt alles zurück“, ist auch die 37-jährige Martina Ackermann aus Biesdorf überzeugt. Die szenigen FDJ- und „Staatsfeind“-T-Shirts findet sie spaßig. Schon über „Good Bye, Lenin“ gelacht? „Nein, aber vielleicht ist der ja bald auf Premiere zu sehen.“

Patrick, 42, und Sven, 33, kommen aus Schöneberg und finden den Kinofilm „schau“, wie sie sagen. Auch Organisatorin Ramona Oteiza kann sich vorstellen, dass der Streifen mehr Kundschaft als bisher aus West-Berlin, München, Nürnberg und Kiel zur Ostpro anlockte. „Uns hat eine ostalgische Freundin animiert, hierher zu gehen“, sagt Patrick und nimmt noch einen Schluck aus der Flasche Club-Cola. Und? „Gut. Schmeckt nach Limo und ist nicht so süß.“

Kein Wunder, dass die Ostpro expandiert. Letztes Jahr erstmalig auch in Erfurt, dieses Jahr Premiere in Dresden. In Berlin kommen zur Ostpro am 1. Advent immer 80 000 Besucher. Beim realkapitalistischen Frühlingsbazar waren es jetzt 70 000, das sind 10 000 mehr als sonst. Je länger die DDR nicht mehr existiert, desto größer scheint die Sehnsucht nach der alten Heimat zu sein. Verkäuferin Pia Drews ist schon heiser und begrüßt Stammgäste mit Handschlag. Früher haben die Leute im VEB Lauscha, Thüringen, Glas geblasen, heute liegen sie mit Traumgelkerzen im Trend. Ein Rentner-Paar schlendert vorbei. „Wollen sie die Partei wissen? PDS!“ Für die gute alte Zeit würden die Anfangachtziger gern auf Bananen verzichten.

Noch schnell das Aussteller-Verzeichnis an der Kasse mitnehmen. Ausverkauft! Eben eine echte Ost-Messe.

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