Berlin : Zeugen einer großen Geschichte Jüdischer Friedhof stellt

alte Grabsteine aus

Helmut Caspar

Der Jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee hat ein Haus der Steine erhalten. In dem Lapidarium (lat. Lapis = Stein) werden Grabsteine aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert gezeigt. Die Ausstellung in dem nach Plänen der Architekten Ruth Golan und Kay Zareh erbauten Haus erzählt aus der wechselvollen Geschichte der jüdischen Friedhöfe in Berlin und speziell des von den Nazis geschändeten und im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstörten Friedhofs an der Schönhauser Allee.

Das Lapidarium steht auf den Fundamenten der kriegszerstörten und Ende der 1950er Jahre abgetragenen Trauerhalle. Dass es gebaut werden konnte, ist vor allem der Stiftung Deutsche Klassenlotterie zu verdanken, die auch die Restaurierung der über 60 Grabsteine unterstützte, die in dem kleinen Museum aufgestellt sind. „Es sind einfache, zum Teil abgewitterte und auch beschädigte Tafeln, die keinem Grab mehr zugeordnet werden können“, sagt Uri Faber, der mit anderen Gemeindemitgliedern die Konzeption für die Ausstellung erarbeitet und auch die Texte auf den Schautafeln verfasst hat. Die Gräber wurden Faber zufolge von den Nazis ihrer metallenen Inschriften, Verzierungen und Gitter beraubt und eingeschmolzen. „Rücksichtslos wurden auf dem Friedhofsgelände Splittergräben ausgehoben, und dafür hat man Grabsteine zur Befestigung verwendet und andere auf große Haufen geworfen.“ Als die Jüdische Gemeinde nach 1990 mit Aufräumarbeiten begann und die üppige Vegetation beseitigte, die die Gräber und Wege überwucherte, bot sich ein trauriges Bild der Verwüstung. 1988, also in der Endphase der DDR, hatten hier Jugendliche randaliert und über hundert Steine umgeworfen. „Ein peinlicher Vorgang, über den die Ost-Presse dürftig informierte“, erinnert such Faber.

Nach 15-jähriger Arbeit konnte schon einiges auf dem Friedhof geordnet werden. So zeigen sich einzelne Grabstätten, etwa die des Malers Max Liebermann und seiner Familie, in restauriertem Zustand. Aus Geldmangel kommen die Aufräumarbeiten jedoch nur langsam voran.

„Mit der Grabstein-Ausstellung wollen wir nicht nur diese stummen Zeugen zum Sprechen bringen, sondern unseren Besuchern auch zeigen, warum es für Juden so wichtig ist, eigene Friedhöfe zu besitzen, und welch schwerer Frevel es ist, wenn ihre Totenruhe gestört wird“, sagt Uri Faber. Der jüdische Brauch, kleine Steine auf die Grabplatten zu legen, gehe in die biblische Zeit zurück, als man Gräber nur mit einem Steinhügel bedeckte. Bodenerosion, Überflutungen oder wilde Tiere hätten den Gräbern zugesetzt, deren Bedeckung sich in der Umgebung verstreute. Um die Entweihung zu verhindern, mussten immer wieder neue Steine auf die Grabstätten gelegt werden, und das tue man in Erinnerung an alte Zeiten auch heute.

Zahlreiche bekannte Persönlichkeiten sind auf dem Friedhof bestattet, der 1827 als Nachfolger des bereits geschlossenen Friedhofs an der Großen Hamburger Straße in Mitte eröffnet wurde. Außer dem Maler Max Liebermann, und seiner Frau, deren in der Ausstellung besonders gedacht wird, haben hier ihre letzte Ruhe unter anderem der Komponist Giacomo Meyerbeer sowie die Verleger Leopold Ullstein und Albert Mosse gefunden.

Der Jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee (nahe U-Bahnhof Senefelderplatz) ist Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und Freitag von 8 bis 13 Uhr zu besichtigen.

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