Berlin : Zu früh gefreut über gute Leistungen?

Oberschulen melden Zweifel an, ob die Iglu-Studie aussagekräftig für Berlins Grundschulen ist

Susanne Vieth-Entus

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat das Abschneiden der Berliner Grundschulen bei der internationalen Leseuntersuchung „Iglu“ schon vor der gestrigen Veröffentlichung gelobt, doch Bildungs-Fachleute sehen dazu wenig Anlass. „Angesichts der kleinen Stichprobe ist ein Rückschluss auf Berlins Grundschulen unmöglich“, sagt der FU-Vizepräsident und Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen. Denn von Berlins 490 Grundschulen wurden lediglich fünf mit insgesamt 250 Schülern in die Iglu-Studie einbezogen – nicht mal ein Prozent der Viertklässler. Dies reicht Statistikern nicht für einen soliden Ländervergleich. Für den hätten 25 Schulen teilnehmen müssen, der aber in Berlin aus Kostengründen nicht zustande kam.

Tatsache ist, dass ein gutes Berliner Iglu-Ergebnis viele Oberschulen überraschen würde. Seit Jahren klagen sie über schlecht vorbereitete Grundschüler. So beobachtet Philologenverbandschef Jobst Werner, dass die Schüler mit wenig Lektüreerfahrungen in die siebte Klasse kommen. „Die Lesebereitschaft nimmt seit Jahren eher ab als zu“, lautet sein Fazit. Wenn er die Sechsklässler bei den Anmeldegesprächen an seinem Steglitzer Paulsen-Gymnasium fragt, was sie lesen, „erinnert sich ein Drittel nicht mal an das letzte Buch“.

Als weiteren Grund, insbesondere in Berlin keine unangemessene Freude angesichts von Iglu zu entfalten, nennen viele Schulleiter die überdurchschnittlich hohe Berliner Ausländerrate. Viele Grundschulen liegen über der kritischen Rate von 20 Prozent Ausländern, für die erst jüngst herausgefunden wurde, dass oberhalb dieser Marke das Lernniveau der ganzen Klasse sinkt. Deshalb würde es „an ein Wunder grenzen“, wenn die Berliner Grundschüler international im oberen Mittelfeld lägen, lautet die Einschätzung eines Charlottenburger Realschullehrers.

Aus den Hauptschulen hört man seit Jahren, dass ihre Siebtklässler „auf dem Stand von Drittklässlern“ sind. „Die Kenntnisse der Grundschüler nehmen von Jahr zu Jahr ab“, meint auch Margit Krebs, Lehrerin an der Reinickendorfer Beckmann-Gesamtschule. Und der Schöneberger Gymnasialleiter Martin Kraschewski verweist an die vielen hier geborenen Siebtklässler, die nach der Grundschulzeit noch immer kein gutes Deutsch sprechen und dennoch eine Gymnasialempfehlung erhalten.

Bildungssenator Böger weist die Kritik zurück. Er beharrt darauf, dass Berlins Grundschulen nicht schlechter dastehen als der Bundesdurchschnitt. Aber auch Iglu lasse keinen Zweifel daran, dass „die Migrantenfrage eine ungelöste Herausforderung ist“. Deshalb hat Böger inzwischen die FU und die HU damit beauftragt, sowohl den Spracherwerb an der Grundschule als auch das Leistungsvermögen der Berliner Viert- bis Sechsklässlern zu untersuchen. Beide aufwändigen Studien mit je 25 Schulen haben bereits begonnen.

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