Berlin : Zuckerdoping und Siegerbier

Jens Karrass

weiß, wie man einen Marathon übersteht – km 35 bis 42 Noch sieben Kilometer. Rechenkünstler Marathoni überschlägt mal kurz die mögliche Endzeit. Zu mehr reicht die Matschbirne nicht mehr. Ich habe noch 35 Minuten Zeit, dann knacke ich die dreieinhalb Stunden. Kilometer 36, Potsdamer Platz. Erhaben amerikanisch liegt er da. Meine Motivationskurve zeigt nach oben. Hier stehen meine Fans, mit meinem Spezialgetränk, mit meinen Schildern! „Go Papa, go!“ Ich kann’s kaum erwarten. Welche Seite hatten wir gesagt? Ich werde nervös. Ich brauche meinen Drink. Jetzt, gleich, sofort. Da! Ich muss lachen: „Hinten ist die Ente fett!“ Mein Sohn hält strahlend das Plakat in die Höhe. Mein größter Fan! Hallo ihr. Ich bin’s, euer Marathonheld. Einer der auszog, sich den ersten Preis zu holen. Eiskalte Cola – Luxus pur. Der Zucker darin ist reines Doping. Der klopft das Hirn wach. Hat meine Frau irgendwas wie „Mein Gott, wie siehst du denn aus!“ gesagt?

Ach was, Französische Straße, noch drei Kilometer. Musik. „Move that bo-dy…“ Raus aus dem Schmerz, raus aus dem Kampf. Nur nach vorne und zur Seite sehen. Millionen Fans! Alle klatschen nur für mich. Café Einstein – Unter den Linden. Es geht jetzt rasend schnell zu Ende. Was für ein Glück. Zugleich kommt Traurigkeit auf. Gleich soll alles vorbei sein? Läuferdrama.

Die vielen hundert Kilometer der Vorbereitung lösen sich nun in Glücksgefühlen auf. Die letzte Minute bricht an: Runner’s High. Persönliche Bestzeit. Dem Himmel ein Stück näher. Nie war ich fitter in meinem Leben, nie kaputter. Da steht sie, die Zahl aller neuen Träume: 3:28,12h. Das geht noch besser. Auf ein Neues. Aber vorher in aller Ruhe das Siegerbier. Marathon ist geil!

Jens Karraß (37), Diplom-Medienberater, war Spartakiade-Sieger, Deutscher Meister und gehörte 1991 zu den vier schnellsten Männern der Welt über 10 km auf der Straße. Er arbeitet als Personal Trainer und Fitnesscoach, leitet in Berlin den AOK-Frühstückslauf und ist seit dem Jahr 2000 Lauf-Botschafter für Unicef.

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www.jkrunning.de

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