Berlin : "Zukunft der Union": Bayern: Eine Herzenssache in Zehlendorf

Ulrich Zawatka-Gerlach

Thomas Goppel hat vergeben, aber nicht vergessen. Und deshalb sagt der CSU-Generalsekretär den Freunden von der Zehlendorfer CDU: "Sie haben einen guten Oberbürgermeister, der mich im Sommer sehr geärgert hat." Genauer gesagt am 14. Juli, als der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen im Bundesrat der rot-grünen Steuerreform zustimmte. "Da haben wir miteinander gehakelt, aber das ist jetzt rum", sagt Goppel und will es dabei bewenden lassen; denn es gibt wichtigere Themen in der Union. Die deutsche Leitkultur zum Beispiel.

Der CDU-Kreisvorsitzende Uwe Lehmann-Brauns - ein echter Freund der bayerischen Schwesterpartei - hat am Dienstagabend in den Bürgersaal des Bezirks-Rathauses eingeladen, um über die "Zukunft der Union" zu sprechen. Aber zuerst will Goppel über die deutsche Leitkultur reden, die er als "Gegenbegriff zur linken Leitkultur der multikulturellen Gesellschaft" sehr nützlich findet. Die Grundrechte gehörten dazu und die deutsche Sprache und "die Errungenschaften Europas der letzten Jahrhunderte unter dem Dach des christlichen Menschenbildes." Jeder Türke könne hier ungestört seine Religion ausüben, aber: "Wenn jemand kommt, hat er mir nicht zu sagen, wo ich mein Kreuz hinhänge."

Solche Vergleiche machen den 200 Zuhörern Spaß. Es gehe ihm nicht um kulturelle Hegemonie, sagt Goppel, sondern darum, "das Besondere für uns zu bewahren" und er fügt hinzu, "dass wir Bayern auch nichts Besonderes sind, sondern einmalig."

Goppel geißelt die "Strategie von Rot-Grün, die Union jetzt in die rechte Ecke zu stellen." Die Regierung solle arbeiten und nicht demonstrieren, ruft er mit Blick auf den 9. November in den Saal. Er wagt ein Wortspiel, dem das Auditorium nach kurzem Nachdenken Beifall zollt: "Es geht doch nicht um den Aufstand der Anständigen, sondern um den Anstand der Zuständigen." Gemeinsam mit der PDS könne man ohnehin nicht glaubwürdig demonstrieren. Dass die SPD mit der PDS in Kreuzberg/Friedrichshain gemeinsame Sache mache, habe sich bis München längst herumgesprochen.

Umgekehrt hat sich in Berlin herumgesprochen, dass der in München residierende Ministerpräsident Stoiber weiter reichende Karrierepläne hat. CDU-Bezirkschef Lehmann-Brauns ist hoch zufrieden, dass Goppel auch über den Kanzlerkandidaten 2002 spricht. Goppel warnt die Bundes-CDU, vor Ostern 2002 über die Spitzenkandidatur zu entscheiden. "Sonst geben wir ihn oder sie vorzeitig zum Abschuss frei." Dann nennt er seine Favoriten : Stoiber, "wenn die Bevölkerung jemanden will, der richtig aufräumt." CDU-Chefin Angela Merkel, "wenn wir jemanden brauchen, der lediglich zusammenräumt." Und den Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz, falls haushaltsmäßiges Zusammenzurechnen gefragt sei.

Für Lehmann-Brauns ist damit der Fall gelöst, und er dankt in bewegten Worten für Goppels "konstruktive Äußerungen über Stoiber, unseren nächsten Kanzlerkandidaten." Das kann so nicht stehen bleiben, Goppel kontert mit einem Scherz. "Stoiber steht nicht zur Verfügung, aber er wird sich der Aufgabe stellen." Das hören die Gäste gern; denn Bayern und die CSU sind politisches Vorbild und Herzenssache für die schweigende Mehrheit in der Berliner CDU. Goppel hofft sehr auf innerparteilichen Frieden. "Ob das funktioniert, hängt auch davon ab, ob Heiner Geissler jede zweite Wortmeldung auslässt und Rita Süssmuth wochenweise nicht aus dem Hause geht."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben