Berlin : Zum Geburtstag? Kunst!

Zehn Künstler gehen im Internet neue Wege: mit „Jahrgangswerken“ und Kunstleasing

Ralf Schönball

Mit der Verständigung haperte es am Anfang zwischen dem Banker und der Künstlerin: Frank Meier, in der Welt der Zahlen und Fakten zu Hause – und Michaela Habelitz, heimisch im Umgang mit Farben und Formen. „Er sprach manchmal wie einer vom anderen Stern“, sagt die Künstlerin. Doch nun, da das gemeinsame Projekt „Artgain“ an den Start geht, sagt sie auch mit Respekt: „Er ist ein Grenzgänger, und das hat er vielen voraus.“

Frank Meier ist da nüchterner: „Wir wollen einen Markt für die Künstler schaffen“, sagt er. Und dabei gehen sie neue Wege: Sie schaffen „Jahrgangswerke“ und vermarkten diese im Internet. Die Herausforderung für die zehn beteiligten Künstler: Sie fangen in einem Bild die Essenz des betreffenden Jahres ein. Das Angebot für die Käufer: Sie bekommen ein Werk, das auf ihr Geburtsjahr hin entworfen worden ist.

Das erste Jahrgangswerk hat Michaela Habelitz schon erschaffen. Grundlage ist eine Aufnahme von 1947. Es zeigt „Onkel Emil und Tante Lottchen“ an ihrem Hochzeitstag. Die Gesichter sind voneinander abgewandt und die Ehepartner schauen mit eigentümlich leeren Blicken in die Ferne – die Stunde null liegt im kriegszerstörten Deutschland keine zwei Jahre zurück. Der Aufbau des Landes beginnt gerade. Die schwarz-weiße Fotografie hat die Künstlerin entfremdet. Sie schnitt zwei leuchtendblaue transparente Massagebälle in der Mitte durch und klebte sie auf das Bild. Dann nahm sie die Kollage auf und bearbeitete diese digital. So entstand ein signierter Druck: das Jahrgangswerk.

Banker Meier hat die Marktchancen dieser Kunst genau errechnet: „Im kommenden Jahr werden 1,2 Millionen Deutsche 60 Jahre alt“, sagt er. Für Freunde und Verwandte wäre ein Jahrgangswerk ein persönliches und originelles Geschenk zum runden Ehrentag. Und wenn nur ein Teil dieser Zielgruppe über das Internet zu den Künstlern findet, dann sei schon viel erreicht.

Neben dem Kunstwerk liegt die voluminöse „Chronik des 20. Jahrhunderts“ von Harenberg. Das Buch beschreibt die wichtigsten politischen, kulturellen und sportlichen Ereignisse aus den vergangenen 100 Jahren. „Es gibt auch Spezialausgaben für jedes einzelne Jahr“, sagt Michaela Habelitz. Zu einem ihrer runden Ehrentage hatten ihr Freunde den Band über ihr Geburtsjahr geschenkt. Das inspirierte sie zu den „Jahrgangswerken“.

Zehn Künstler werden sich am Internetprojekt „Artgain“ beteiligen. Auf der Internetseite werden auch andere Kunstwerke angeboten. Bei deren Vermarktung geht man ebenfalls neue Wege: Wer nicht kaufen will, kann Objekte leasen. Ab 100 Euro im Monat. Die meisten der zehn Künstler arbeiten in der Sigmaringer Straße 1. Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales hatte das Verwaltungsgebäude vor einem Jahr aufgegeben. Heute gibt es hier ein Zentrum für Existenzgründerinnen und 23 Ateliers. Das Kunststoffschild der Behörde mit den weißen Lettern auf grünem Grund hat Michaela Habelitz aufgehoben. Und die frühere Nutzerin des Raumes ließ es sich nicht nehmen, ihre „Nachmieterin“ kennenzulernen: „Die Amtsärztin hat bei der Einweihung der Ateliers reingeschaut“, sagt die Künstlerin.

Wer eines der Ateliers in diesem Haus erhalten hat, darf als etabliert gelten: Die Künstler sind zwischen 30 und 63 Jahre alt, seit Jahren in der Branche tätig und vom Berufsverband Bildender Künstler aufgenommen. Dieser wählte zusammen mit dem Senat auch die Ateliernutzer aus. Der Ansturm war groß, weil die Mieten günstig sind. Kein Wunder, die Produktionsbedingungen sind ideal. Es gibt helle Räume, einen regen Austausch unter Kollegen – und manchmal auch ganz neue Ideen wie Artgain.

www.artgain.de

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