Berlin : Zunehmender Halbmond

Berlins Muslime machen auf sich aufmerksam. In mehreren Bezirken bauen sie jetzt prachtvolle Moscheen

Lars von Törne

Fünf Halbmonde ragen in den Himmel über der Skalitzer Straße in Kreuzberg. Sie zieren die Spitzen von vier Minaretten und einer Kuppel, die wiederum den Abschluss eines opulenten Neubaus bilden. Noch sieht man diese Halbmonde und Minarette nur auf der großen Bildtafel an der Baustelle, schräg gegenüber der U-Bahnstation Görlitzer Bahnhof. Dahinter steht ein sechsgeschossiger Rohbau aus grauem Beton. Schon bald soll hier, Ecke Wiener Straße, die Omar-Ibn-Al-Khattab-Moschee stehen, benannt nach dem zweiten Kalif der Sunniten, der am weitesten verbreiteten Glaubensrichtung im Islam.

Erbaut wird sie vom Islamischen Verein für wohltätige Projekte, einer Gruppierung, die als nicht islamistisch eingeschätzt wird, also keine gegen die Demokratie gerichtete politische Zielrichtung verfolgt. Das Geld für den Neubau, heißt es, stamme aus Spenden von Berliner Muslimen. Der Verein will nach eigenem Bekunden vor allem junge Menschen in ihrer Entwicklung unterstützen, um sie vor Gewalt, Drogen oder Kriminalität zu schützen. Ausdrücklich lehnt er radikales, extremistisches Gedankengut ab.

Der Bau ist eines der prominentesten Symbole für das erstarkende Selbstbewusstsein islamischer Gruppen in Berlin. Mehr als 120 Moscheen und Versammlungsräume gibt es für die gut 210 000 offiziell registrierten Muslime der Stadt. Für Außenstehende sind die meisten muslimischen Gotteshäuser nicht als solche zu erkennen. Manche Gruppen, die über Jahre ihre Versammlungsräume in Hinterhöfen oder Privathäusern hatten, wollen jetzt heraustreten aus der Nische, sich für neue Mitglieder öffnen und zeigen, dass sie sich als ganz normaler Teil der deutschen Gesellschaft verstehen.

Das verändert das Stadtbild. Nicht nur in Kreuzberg oder Neukölln, wo am Columbiadamm mit der Sehitlik-Moschee seit Jahren das repräsentativste muslimische Gotteshaus Berlins entsteht, erbaut vom staatsnahen türkischen Moscheeverband Ditib. Inzwischen erreicht der Trend auch den Ostteil der Stadt.

In Pankow hat jetzt eine weitere muslimische Gruppe einen Moschee-Neubau angekündigt. Die Ahmadiyya-Gemeinde hat eine Bauvoranfrage für ein knapp 5000 Quadratmeter großes Baugrundstück an der Tiniusstraße in Heinersdorf gestellt, direkt an der Autobahn. Am Donnerstagabend stellte die Gemeinde ihre Pläne dem Bauausschuss des Bezirks vor – unter Protesten verunsicherter Bürger, die eine Moschee in ihrem Viertel ablehnen. Die in Indien gegründete Vereinigung hat in Berlin nach eigenen Angaben einige hundert Mitglieder – aus Pakistan und anderen Ländern, sagt Sprecher Hadayatullah Hübsch, gebürtiger Deutscher mit Wohnsitz Frankfurt/Main. Das zweigeschossige Gebetshaus soll ein Minarett erhalten und Gebetsräume für Männer und Frauen beherbergen. Bislang hat die Gemeinde ein Haus an der Meteorstraße in Reinickendorf. Das reicht nicht mehr aus für Gottesdienste und öffentliche Veranstaltungen, bei denen man sich auch mit Vertretern der christlichen Kirchen austauscht. Die kleine Gemeinde vertritt eine von der Mehrheit der Muslime nicht geteilte Koranauslegung und gilt als friedlich. „Wir lehnen den bewaffneten Jihad ab – stattdessen wollen wir intellektuell kämpfen“, sagt Sprecher Hübsch. Von einzelnen Kritikern wird der Ahmadiyya-Gemeinschaft vorgehalten, sie strebe die Weltherrschaft des Islam an und wolle einen Gottesstaat unter Führung eines Kalifen errichten. Dafür haben die Sicherheitsbehörden jedoch keine Anhaltspunkte, und auch Hübsch weist die Vorwürfe vehement zurück. „Der Koran hält uns an, uns an die Landesgesetze zu halten, und das tun wir auch in allen 170 Ländern, in denen wir Gemeinden haben.“

Die Gemeinde sagt von sich, sie setze im Konfliktfall auf Überzeugungsarbeit. Sie lehnt es zwar ab, dass jungen Musliminnen in der Schule gemeinsam mit Jungs am Schwimmunterricht teilnehmen müssen oder hat Vorbehalte gegen Klassenfahrten, wenn nicht sichergestellt ist, dass die muslimischen Kinder dort die Regeln ihrer Religion befolgen können. Doch man versuche, durch Briefe und Gespräche einvernehmliche Lösungen mit Schulen zu finden, sagt Hübsch. Er sei Vater von acht Kindern und habe ihnen zum Beispiel immer erlaubt, auf Klassenfahrt zu gehen.

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