Berlin : Zurück zum House

Michael Suiter will das „90 Grad“ retten – mit neuer Musik und neuem Image

Sebastian Leber

Das ist keine Krise, das ist eine Chance. Michael Suiter geht optimistisch an Probleme ran, sonst kann man es gleich lassen, sagt er. Sein neuestes Problem ist das „90 Grad“, der angeschlagene Club in der Schöneberger Dennewitzstraße. Offene Rechnungen in fünfstelliger Höhe hat der 38-Jährige zusammengezählt, seit er vorige Woche seine Arbeit aufnahm. Suiter ist das neue Gesicht des 90 Grad. „Art Director“ lautet sein exakter Titel, „Leitfigur“ lässt er auch durchgehen. Als er in der Zeitung las, dass die bisherige Clubmanagerin hinschmiss, dachte der gebürtige Münchener: Das ist mein Job.

Dank Szenekenntnis und Geschäftssinn könnte er es schaffen, den Club aus den Miesen zu holen. Vor zwanzig Jahren hat Suiter an der Londoner Elitehochschule European Business School studiert. Sein Nachbar, ein DJ, redete ihm seine Lieblingsband Led Zeppelin aus und überzeugte ihn von den Vorzügen der elektronischen Musik. Seitdem arbeitet Suiter als DJ-Booker und Plattenfirmeninhaber, „Caus-N’-ff-ct“ heißt sein Unternehmen, was so viel wie einen „Effekt verursachen“ bedeutet.

Er hatte die New Yorker House-DJs Armand van Helden und Roger Sanchez unter Vertrag. Auch mit Westbam und Jam & Spoon hat er zusammengearbeitet, dazu quer durch Deutschland Partys organisiert. In Berlin vor allem im Sage Club, manchmal im Tresor, seit 15 Jahren regelmäßig im 90 Grad. Suiter erinnert sich noch an die strenge Türpolitik der 90er Jahre. Da hatte er selbst Probleme, reingelassen zu werden: „Obwohl ich wegen der Arbeit da war. “ Auch musikalisch gesehen habe das 90 Grad damals „eine gewisse Arroganz“ gehabt. Und dies meint Suiter positiv. „Die haben niemals den Kommerz aus den Hitparaden gespielt, sondern ihr Ding gemacht und Trends gesetzt.“ Das will Suiter künftig auch wieder. Dabei soll ihm sein Netzwerk aus befreundeten Produzenten und vor allem DJs helfen. Die meisten haben bereits zugesagt, im neuen 90 Grad aufzulegen. Nur das Duo „Milk & Sugar“ stellte eine Bedingung: Erst muss die Soundanlage raus. Darauf wäre Suiter aber auch alleine gekommen – „Wir brauchen einen kristallklaren, druckvollen Sound“. Deshalb soll das 90 Grad demnächst, vielleicht schon nach der Party heute Abend, gründlich umgebaut und Anfang März im großen Rahmen neu eröffnet werden. Ab dann soll es nur noch House-Musik geben, die bisherigen Black-Classics im Programm seien nichts für ihn, sagt Suiter.

Dass sein Label Gewicht in der Clubszene hat, konnte Suiter zuletzt vergangenen Dienstagabend sehen. Da wollte er zur Eröffnungsparty ins neue Cookies, aber der Türsteher ließ ihn nicht an der Schlange vorbei. „Ich bin der neue Chef vom 90 Grad“, sagte Suiter. „Das ist mir so was von egal“, kam als Antwort. Suiter wollte aufgeben, dann sagte er: „Ich bin der Michi von Caus-N’-ff-ct.“ „Warum hast du das nicht gleich gesagt“, raunte der Türsteher.

Seine ehemaligen Kommilitonen von der European Business School haben sich für andere Lebenswege entschieden. Einer wurde Deutschland-Chef einer internationalen Großbank. Ein anderer ist heute Personalchef des amerikanischen Konzerns General Electric. „Das zeigt mir, dass ich vieles im Leben richtig gemacht habe“, sagt Suiter. „Wer will schon jeden Tag im Büro sitzen und Leute entlassen?“

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