Berlin : Zwei kalte Duschen unterm Zeltdach

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Ein Tag, den niemand vergessen wird, der dabei war unter dem Sony-Zeltdach am Potsdamer Platz. Nur, dass das Ende ganz und gar nicht den Träumen der aufgeheizten Fans entsprach. Und auch die Politiker, die droben im ersten Stock des Imax-Kinos eine kleine Senatssitzung zum Thema Fußball abhielten, wechselten abrupt ihre zunächst aufgeräumte Stimmmung, nachdem die brasilianischen Stürmer gleich zwei Mal klargestellt hatten, wer Weltmeister werden würde. Gregor Gysi zündete sich noch eine Zigarette an, Klaus Böger warf die Arme in die Höhe, Klaus Wowereit rang die Hände - aus.

„Vielleicht besser so“, sagte ein Polizist am Rande der Absperrungen, „so bleiben die Köpfe kühl beim Nachhausegehen.“ Doch die Stimmung schien so oder so friedlich zu sein, ohne allzu grelle nationalistische Akzente. Fans aus Baden hatten ein Plakat mitgebracht, das hinten einen Lobgesang auf ihre Heimat, vorn den Text der dritten Strophe des Deutschlandlieds trug, der dann auch ohne abschreckende Untertöne gesungen wurde, illustriert von Flaggen mit und ohne Adler, umgeben vom unvermeidlichen Kampfruf „Steh auf, wenn du ein Deutscher bist!“ Doch es standen sowieso schon alle, Schulter an Schulter unter dem Zelt, und ein kleines Häuflein Brasilianer gab den kampfbetonten Einheimischen eine Lektion in Sachen Leichtigkeit des Seins: Eine kleine Samba-Show in der Pause, grelle kreischgelbe, fantasievolle Kostüme mit Federn, Pailletten, ein Lächeln in jeder kritischen Spielsituation.

Und die waren reichlich vorhanden. Eine Art kollektive Erlösungsphantasie schon der mit einem riesigen Aufschrei begrüßte Anpfiff, Jubelstürme für die ersten Live-Bilder von Völler und Kahn. Dann erste Angriffe, elektrisierende Chancen vor allem für die Brasilianer, die aber an Kahn oder an den eigenen Nerven scheiterten - die 2500 am Potsdamer Platz schrieen, als säßen sie im Unterring in Yokohama. Das erste Tor der Brasilianer: eine eiskalte Dusche. Dann rasch wieder Anfeuerungen: Steh auf … Doch nichts ging mehr. Das zweite Tor wurde dann sogar eher mit Resignation als mit Trotz aufgenommen: „Scheiße“, sagte ein Fan mit besonders sorgfältig gerichteter schwarz-rot-goldener Haarpracht, „bei diesen Brasilianern kriegen die doch in drei Stunden keinen rein.“

Dennoch: ein großer Fußballtag. Schon im Morgengrauen gegen vier hatten sich die ersten Fans eingefunden, um die besonders begehrten Plätze zwischen Videowand und Wasserbecken zu besetzen, und gegen zehn passierte, was dort bei fast allen Übertragungen passiert war: Die Sicherheitskräfte erklärten das Gelände für gefüllt und ließen niemanden mehr hinein. Enttäuschung für viele Tausende, die sich einen anderen Ort zum Feiern suchen mussten, die dann später vor den Fenstern der „Dietrich“–Bar am Hotel -Hyatt hingen oder in kleinen Trauben die Übertragungswagen der TV-Sender umringten - einige Techniker hatten kleine Monitore auf die Straße gestellt. Doch egal, wo die Bilder flimmerten: Alle Geräte zeigten am Ende das gleiche ernüchternde Ergebnis.

Eine Herausforderung für die Fans, die sich vorgenommen hatten, mit Feier und Autokorso internationalen Maßstäben gerecht zu werden. Doch die Stimmung war hinüber, der Platz unterm Zelt leerte sich früh, und in der Umgebung des Potsdamer Platzes krachten ein paar Feuerwerkskörper. „Sollen wir die wieder mit nach Hause nehmen?“

Es mag sein, dass Klaus Wowereit und seine Senatsmannschaft dieses Ergebnis dann doch mit Erleichterung aufnahmen, denn so machte es ihnen keine Mühe, rasch wieder auf Arbeit umzuschalten. Der erste Stock leerte sich, nur Guido Westerwelle, Selbstdarsteller ohne Senatspflichten, blieb noch ein wenig und sagte rasch ein paar Worte in die Kameras, während unten die Türen der Dienstwagen klappten. m Sony-Center wurden gewaltige Müllberge sichtbar.

Eine Stunde später: Auf den Straßen lautes Nun-erst-recht. Hupen, Fahnenschwenken. „Deutschland!“ rief ein Polizist, der einen schwarz-rot-goldenen Wimpel an seiner Antenne befestigt hatte, den kreisenden Fans zu. Aus einem Auto hingen gleich zwei deutsche Fahnen, eine mit Adler – , und eine mit Hammer und Sichel. Nur dass es diesem Tag am Schützenglück eines Jürgen Sparwasser gefehlt hat. Bernd Matthies

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