Berlin : Zwei Riesenräder – und der Senat schaut zu

Am Zoo und in Mitte treiben die Konkurrenten ihre Planungen voran Die Landesregierung aber lässt weiter offen, welchen Standort sie bevorzugt

Werner van Bebber

Ein 175 Meter hohes Riesenrad könnte bald in den Berliner Himmel ragen und die Stadtansicht verändern. Doch Ingeborg Junge-Reyer (SPD), die Senatorin für Stadtentwicklung, sagt nichts darüber, wo in der Stadt der geeignete Ort für solch ein Bauwerk liegt. Mittlerweile wundern sich sogar Parteifreunde darüber, dass die Senatorin kommentarlos zusieht, wie Investoren ein Projekt am Zoologischen Garten und eines an der Anschutz-Arena am Ostbahnhof entwickeln. So sagt der für Stadtentwicklung zuständige SPD-Abgeordnete Jürgen Radebold, der Bau des Riesenrades sei eine stadtpolitische Entscheidung. Die könne man nicht den Investoren überlassen.

Im Rennen der Investoren liegt derzeit anscheinend der Anschutz-Projektentwickler Kevin Murphy planerisch knapp vorn. Doch der Kaufvertrag für das Gelände am Zoo ist unterschriftsreif – und das Abgeordnetenhaus unterstützt die Riesenradpläne am Zoo. Den Beschluss könne man noch mal „verschärfen“, sagt SPD-Mann Radebold in Richtung seiner Parteifreundin. Im März hatte sich auch Junge-Reyer vor dem Parlament zum Projekt Riesenrad geäußert. Sie sprach aber nur von der grundsätzlichen Unterstützung des Senats. Auch heute will sie sich nicht dazu äußern, welcher Standort ihr als der bessere erscheint.

Schon damals war die Frage der Stadtansicht kein Thema. Der stadtentwicklungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Klaus-Peter von Lüdeke sagt, er habe im Ausschuss gefordert, auch die Umweltverträglichkeit eines Riesenrades zu prüfen. Das habe der Senat abgelehnt. Von Lüdeke wundert sich allerdings nicht darüber, dass Junge-Reyer offenbar keine Meinung zum Riesenrad im Himmel über Berlin hat. Gewiss wäre es ihre Sache zu sagen, wohin ein solches Bauwerk passt. Doch sei die Senatorin „nicht von besonderer Entscheidungsstärke“. Offenbar sei in der Riesenradfrage der Finanzsenator wichtiger.

Das Grundstück am Zoo könnte dem Land 22 Millionen Euro einbringen – diese Summe war im März im Gespräch. Auch Gernot Klemm, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der PDS-Fraktion, will sich keine Sorgen über die Ansicht der Stadt oder die rummelhafte Ausstrahlung eines Riesenrades machen. Das Vorhaben könnte am Zoo „funktionieren“, meint er. Das Abgeordnetenhaus sei dafür – da braucht der PDS-Mann keine horizontpolitischen Erläuterungen der zuständigen Senatorin.

Über die Gründe ihrer Verschwiegenheit gibt es unterschiedliche Theorien. Politiker, die ihr parteimäßig nicht fern stehen, erinnern daran, dass Junge-Reyer ihren Wahlkreis in Kreuzberg-Friedrichshain habe – also eher im Schatten eines Riesenrades, das am Ostbahnhof in den Himmel ragt. Andere – wie von Lüdeke und die Grünen-Fachfrau für Stadtentwicklung, Claudia Hämmerling – halten Junge-Reyer für vorsichtig genug, sich nicht für ein potenzielles Verliererprojekt stark zu machen. Womöglich sei die Senatorin aus den Erfahrungen der Berliner Politik mit großen Ankündigung klug geworden, meint Hämmerling. Schließlich habe man im Parlamentsausschuss auch über die finanziellen Schwierigkeiten des Londoner Riesenrad-Vorbildes gesprochen.

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