Berlin : Zwei Stiche mit dem Hirschfänger

Das Geheimnis um den ermordeten Bürgermeister: Nach fast 20 Jahren Krieg war Berlin-Cölln völlig auf den Hund gekommen. Mal hatte Wallenstein, mal Gustav II. Adolf die Doppelstadt ausgeplündert. Im Sommer 1637 war wieder die Pest ausgebrochen. Und nun auch noch das: Meuchelei im Rathaus.

Andreas Conrad

Auge um Auge, Zahn um Zahn – oder so ähnlich. Das Gutachten der Rechtsgelehrten ließ keinen Zweifel daran, wie mit dem Delinquenten zu verfahren sei: Zunächst möge man ihm die Hand, mit der er die verruchte Tat begangen, abhauen, sodann sei das Haupt mit dem Schwerte vom Rumpf zu trennen, schließlich beides auf Stangen zu spießen und zur Schau zu stellen, Bürgern und Reisenden zum Exempel. Überrascht hat das keinen, und angesichts der Schwere des Verbrechens war kaum damit zu rechnen, dass Kurfürst Georg Wilhelm das Leben des Angeklagten schonen würde. Zwar gehörte Hans-Georg von Hake, wohnhaft auf der alten Burg zu Machnow bei Teltow, einer angesehenen, seit 1400 dort ansässigen Adelsfamilie an, aber im Zorn den ehrsamen Johann Wedigen, Bürgermeister der Residenzstadt Cölln, in seinem Amtszimmer abzustechen, ging zu weit.

Die Bluttat hatte allerorten Entsetzen und Abscheu erregt. Einen Cöllner Handelsherren soll der Schock sogar aufs Krankenlager niedergeworfen haben, von dem er sich nicht mehr erhob. Und dabei schien sich die Lage der von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges geplagten Doppelstadt doch gerade zum Besseren zu wenden. Gewiss, im Sommer 1637 war wieder einmal die Pest ausgebrochen, der man wie üblich mit einem Pestbalbier und einem Pestprediger zu begegnen versuchte. Der Gottesmann riet zu umgehender Buße, habe doch „der allein gerechte Gott hiesige Residenzstadt wegen ihrer groben überhäuften Sünden unter anderen Plagen auch mit der auffallenden Seuche der Pestilenz“ heimgesucht. Die Mahnung schien zu wirken, denn während eine Epidemie sechs Jahre zuvor mit 2066 Menschen fast ein Viertel der Bevölkerung dahingerafft hatte, blieb es diesmal bei 840 Toten. Auch die militärische Lage entspannte sich soweit, dass der Kurfürst, der im Vorjahr nach dem Sieg der Schweden bei Wittstock nach Peitz geflohen war, sich im August in seine heruntergekommene Residenz zurücktraute.

Der Mörder aus Kleinmachnow

Die Stadt hatte eine Atempause auch dringend nötig. Wenngleich ihr Zerstörungen durch marodierende Truppen bislang erspart blieben – allzu erfolgreich war Georg Wilhelm mit seinem Bemühen, Brandenburg halbwegs neutral durch den Krieg zu lavieren, nicht gewesen. Eingeklemmt zwischen dem schwedisch kontrollierten Pommern und dem kaiserlichen Böhmen suchte er sich mal an die eine, mal an die andere Partei anzulehnen, mit der Folge, dass sein Kurfürstentum von beiden ausgeplündert wurde. Erst waren die Katholischen gekommen und hatten die Hand aufgehalten, vorneweg Wallenstein, der Ende November 1627 in Bernau sein Hauptquartier genommen hatte und Kontributionen zur Versorgung seiner Truppen forderte. Anfangs begnügte er sich mit Fleisch und Bier, später kamen Sonderzahlungen von mindestens 300 000 Talern hinzu, nicht zu vergessen die reichliche Bewirtung seiner selbst und anderer durchziehender Fürsten. Allein am 22. Juni 1628 war Wallenstein mit 1500 Mann Gefolge und 1000 Pferden auf Einladung der Kurfürstin in die Residenz gekommen. Drei Jahre später war Gustav II. Adolf da und erzwang einen Vertrag, in dem ihm neben der Nutzung der Festungen Spandau und Küstrin eine monatliche Kontribution von 30 000 Talern zugestanden wurde. Nach dem Tode des Königs am 16. November 1632 bei Lützen schwang Brandenburgs Pendel wieder zurück, was die Schweden nur ermunterte, der unzureichend befestigten Residenz immer neue Zahlungen abzupressen.

Eine strittige Schuld aus Kontributionszahlungen war es auch, die Hans-Georg von Hake am 8. September 1637 veranlasste, nach Cölln zu reiten. Die Chroniken verzeichnen nicht Grund und Höhe seiner Forderung. Möglich, dass er für sein im heutigen Kleinmachnow gelegenes Rittergut Abgaben geleistet hatte, die er nun wieder einzutreiben hoffte. Ohnehin muss er ein geschäftstüchtiger Mann gewesen sein, dem es trotz der widrigen Zeiten gelang, das Erbe zusammenzuhalten und sogar zu mehren. Während die so genannten „Konsensbücher“ seiner Zeit ein Bild allgemeiner Verelendung zeichnen und seine Brüder und Vettern darin wiederholt als Schuldner genannt werden, taucht Hans-Georg allenfalls als Bürge auf.

Geboren im Jahre 1583, hatte er schon als Achtjähriger den Vater verloren, dessen Kleinmachnower Erbteil, mit der südöstlich des Machnower Sees gelegenen Burg, ihm zugesprochen wurde. Schon mit 15 Jahren begann er an der Universität von Frankfurt an der Oder sein Studium, zwei Jahre später übernahm er die Verwaltung seines Guts, vermählte sich mit einer von Schlabberndorff, auch sie aus alteingesessener Familie.

Dann allerdings mischten sich in das Bild des wackeren Landedelmannes zum ersten Mal dunklere Farben. Die Hakes hatten manches Raubein hervorgebracht, Hans-Georg wurde aber zum schwarzen Schaf der Familie. 1621 beschäftigte der ungestüme Junker die kurfürstlichen Behörden gleich zweimal. Erst geriet er mit einem Dr. Didde aneinander und verwundete ihn am Hals, dann misshandelte er einen Herrn von Lindholz, musste deswegen sogar in Haft, bis er sich mit der Familie seines Opfers verglichen hatte.

Dann kam der Nachmittag des 8. September 1637. Wahrscheinlich hatte Hans-Georg von Hake die Stadt durchs Gertraudentor betreten, dort wo die Gertraudenbrücke den Seitenarm der Spree überquert. Zum Tatort waren es jetzt nur noch wenige hundert Meter. Zur Linken, zwischen Scharren- und Gertraudenstraße, ragte der gotische Bau der Petrikirche auf, in der Ferne, Richtung Mühlendamm, sah er das Gewimmel des Fischmarkts. Kurz davor, auf Höhe der heutigen Breiten Straße, stand das Cöllner Rathaus, nicht der dreigeschossige Bau aus dem frühen 18. Jahrhundert, sondern der spätmittelalterliche Vorgänger, wohl nicht sehr repräsentativ, erst 25 Jahre zuvor hatte man das baufällige Haus wieder zusammengeflickt.

Die Tat mag vor allem im jähzornigen Charakter des Ritters begründet liegen, man kann sie aber auch als Indiz für die gereizte Stimmung unter der ausgebeuteten Bevölkerung werten. Anschaulich geschildert wird sie in der Leichenpredigt, die wenige Tage später in der Petrikirche gehalten wurde. Demnach hatte Johann Wedigen kaum in seiner Amtsstube Platz genommen, als Hans-Georg von Hake „unangemeldet hereinkam und ihm, ohne dass der Bürgermeister ein böses Wort gesagt hätte, wegen einer geringen Schuld, die jener vom Rathaus, nicht einmal vom Bürgermeister, wegen einer Kontribution zu fordern hatte, mit einem Hirschfänger 2 Stiche versetzte, den einen rechts in den Unterleib und links wieder hinaus, den anderen rechts ins Bein und hinten bei der dicken Lende wieder hinaus“. Die ganze Nacht hindurch rang der Bürgermeister mit dem Tode, gegen Morgen starb er.

Die Bluttat des sofort inhaftierten Ritters löste in der einiges gewohnten Stadt Entsetzen und Empörung aus. Der Pfarrer des hinter Teltow gelegenen Gröben trug sie zur Mahnung sogar in sein Kirchenbuch ein. Besonders entrüstet aber war Kurfürst Georg Wilhelm, zumal der Mord, wie teilweise überliefert ist, sogar vor seinen Augen geschehen sein soll. Ohnehin ließ das bei der Juristenfakultät der Universität Frankfurt eingeholte Gutachten wenig Spielraum. Wenigstens gelang es den Verwandten des Mörders, den kurfürstlichen Berater Graf Adam zu Schwarzenberg als Vermittler zu gewinnen. Der empfahl seinem Herren, dass dem Verurteilten „seines adligen Geschlechts und seiner Kinder wegen die Hand gelassen werden möchte und man ihm nur öffentlich auf dem Markte den Kopf solle abschlagen lassen, den Leib aber samt dem Kopf seiner Ehefrau zur Bestattung übergeben solle“.

Tod auf dem Blutgerüst

Und so geschah es. Der Frau, den Brüdern und dem Sohn des Delinquenten gewährte man einen letzten Besuch im Gefängnis. Als Tag der Hinrichtung wurde Montag, der 18. September 1637, festgesetzt, als Ort ein eigens aufgebautes Blutgerüst vor dem Cöllner Rathaus. Das war für solche Strafen der übliche Ort, während man fahnenflüchtige Soldaten auf dem Molkenmarkt aufknüpfte und besonders grausame Hinrichtungen wie Rädern und Verbrennen auf dem Rabenstein vor dem Georgentor vollzog. Über den Ablauf der Hinrichtung ist nichts überliefert.

Hans-Georg von Hake wurde in der Dorfkirche von Kleinmachnow bestattet. Den armen Bürgermeister rückte der Probst von Cölln in seiner Leichenpredigt gar in einer Reihe mit dem gleichfalls ermordeten Julius Cäsar, während der Berliner Kirchenlieddichter Michael Schirmer die jäh beendete Arbeit des Stadtoberhaupts mit der des Sisyphus verglich. Der Familie vermochte so viel posthume Ehre nicht zu helfen. Ohne den väterlichen Fürsprecher blieb den Nachkommen der weitere soziale Aufstieg verschlossen.

Das alte Rathaus wurde 1709 abgebrochen, nachdem sich die Magistrate der mittlerweile fünf Residenzstädte – neben Berlin und Cölln waren dies Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt – vereinigt hatten. Enthauptungen hatte es dort noch bis 1694 gegeben, danach wurden sie verlegt. Die Anwohner hatten darum gebeten.

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